Der Apriorist - Blog 21. Mar. 2014

Vorwort zu "Praxeologie für Ordnung und Sezession"

von Norbert Lennartz

Tags: Praxeologie, Recht, Rechtspositivismus, Kooperation, Wissenschaft, Sezession, Human Action, Normen, Strategie | Comments (0)

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Vorwort

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Norbert Lennartz:
Praxeologie für Ordnung und Sezession
H.W. Holzinger, 2014

Dieses spezielle Buch wendet sich an Fortgeschrittene, die die Österreichische Schule und die Philosophie des sogenannten Anarchokapitalismus in ihren wesentlichen Zügen kennen.

Es gliedert sich in drei Teile.

1. Teil: Das korrekte Verstehen

2. Teil: Praxeologie der normativen Ordnung

3. Teil: Grundlagen der Sezession

Die ersten beiden Teile lassen sich schwer voneinander trennen. Mein Bemühen im zweiten Teil zielt dahin, offensichtliche Lücken in dieser Lehre zu schließen. Nun wäre meine Aufgabe hier gar überflüssig, wenn die Gelehrten dieser Literatur sich stets selbst an das von ihnen vertretene Denksystem der Praxeologie und der damit notwendigen Epistemologie halten würden. Jedoch ist nicht selten ein schwieriges Missverhältnis um Grundsätze unverkennbar, welches darin begründet zu sein scheint, dass bestimmte erkenntnistheoretische und praxeologische Fakten vernachlässigt werden, vielleicht auch, weil zwar die Helden wie Mises und Rothbard überall als Kult gefeiert, aber Mises' Denkweise nicht wirklich verinnerlicht wurde. Dies wird insbesondere daran deutlich, dass man zu bestimmten problematischen Aspekten der rechtschaffenen Eigentumsbildung schweigt.

Wie könnte zum Beispiel in der staatenlosen Gesellschaft ein Naturschutzgebiet entstehen, wenn die Beteiligten der Eigentumstheorie eines John Locke anhängen? Müsste man dementsprechend ein Gebiet vorher aufkaufen oder etwa bearbeiten? Diese Handlungen würden bereits im Widerspruch zu einem sogenannten Naturschutzgebiet stehen. Spezieller müsste gefragt werden dürfen, wer oder was diesen Arbeitsbegriff überhaupt bestimmt. Und wenn dies tatsächlich geschähe, wäre das nicht eine positivistische Festlegung, die man auf dem Gebiet der Ideologie- und Staatskritik seit je her energisch zurückgewiesen hat? Und wie geschähe dann überhaupt eine möglicherweise notwendige Rationierung wichtiger natürlicher Ressourcen wie etwa von Grundwasser? Sollte sich jeder daran im ökonomischen Exzess bedienen dürfen?

All die damit verbundenen praxeologischen Fragen können offensichtlich so nicht gelöst werden. Und trotzdem scheinen sich manche Anhänger dieser Interpretation ihrer Sache viel zu sicher. Darüber hinaus ist schon seit Bemerkungen von z.B. Nozick und Tannehill (die »Arbeit« als subjektiv beschreiben) das Argument bekannt, dass das Lockeanische Eigentums-Konzept – allein durch Arbeit durch eine erste Inbesitznahme freier Ressourcen legalen Besitz zu schaffen – philosophisch und praxeologisch unzureichend sein muss. Und trotzdem hat die Österreichische Schule seit Murray Rothbard es nicht geschafft (nicht einmal versucht) diese wichtige theoretische Angelegenheit tatsächlich innerhalb der Praxeologie konsistent und einsichtig zu klären – wie später freilich noch im Detail zu erläutern ist.

Aber da das eigentliche Problem tiefer liegt, nämlich das korrekte Verständnis der Praxeologie in der Geschichte der Philosophie lange Zeit stecken geblieben ist, scheint der erkenntnistheoretische Irrtum bereits traditionell verwurzelt zu sein. Denn das Verständnis im Begriff des Handelns blieb – historisch betrachtet – in den Kinderschuhen der Rationalisten1 stecken. Und so hat die Praxeologie mit oder ohne ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen erst durch Ludwig von Mises einen Durchbruch erfahren. Stattdessen hat John Locke das neuzeitliche Denken für »Eigentum« bis heute geprägt, aber offensichtlich aus politischen Gründen – nicht aus philosophisch praxeolgischer Erkenntnis. Durch Lockes Theorie des Eigentums und der Erstaneignung mittels Arbeit war es erstmals möglich geworden, die bis dahin unangefochtene, sogenannte Okkupationstheorie des Eigentums zu Ungunsten der Feudalherren philosophisch populär begründet zurückzuweisen. Auch das Naturrecht und die Aufklärung – zwei Begriffe, die sich dem politischen Einfluss nicht entziehen – wurden offensichtlich dadurch zu einer ansehnlichen Blüte angetrieben.

Die geistigen Anstrengungen für jeden, der die reine Philosophie verstehen und sich das theoretische Rüstzeug verschaffen will, müssen demnach innerhalb der Erkenntnistheorie begonnen werden. Das Kapitel über die Grundlagen der Epistemologie beschreibt das aus Selbstreflexion abgeleitete System, in dem wir uns offensichtlich befinden und denken. Man kann es nicht ableugnen, ansonsten würden wir unsere eigene Existenz ableugnen. Nur in dieser Weise sind wir in der Lage etwas zu erfassen und es dann gedanklich weiter zu verarbeiten. Nur innerhalb dieser Reflexion ergeben alle weiteren Gedanken und Theorien überhaupt einen Sinn, wenn sie real und konsistent sein und über den Status einer anspruchslosen Pragmatik hinausreichen sollen.

Von diesem Grundsatz haben sich dagegen vor allem die Intellektuellen weit entfernt, die meist von politischen Auftraggebern abhängig sind. Die Tatsache, dass die Menschen nach Unterhaltung einerseits und bezahlter Anerkennung in ihrem Wirkungskreis andererseits streben, führt im wissenschaftlichen Bereich dazu, dass sich die Universitäts-Bibliotheken mit nutzlosen Regalmetern füllen. Das macht es nicht leicht, überhaupt etwas gegen das Dickicht der herrschenden Verwirrung und Arroganz auszusetzen.

Und dennoch existieren die meisten und wichtigsten logischen Bausteine für dieses Buch bereits in der Literatur. Um nicht das Rad abermals neu zu erfinden, beziehe ich mich natürlich darauf. In diesem Sinne beziehe ich mich insbesondere auf den vorderen Teil von Human Action, in dem Mises die Grundlagen der Praxeologie erklärt. Es ist eigentlich eine wichtige Voraussetzung diesen Abschnitt gut zu kennen,2 bevor Sie dieses Buch lesen. Der wichtige normative Part, der bei Mises fehlt, wird ergänzt.

Wer einmal die Grundlagen der Epistemologie aus praxeologischer Sicht verstanden hat, wird sehen, dass die gesamte Theorie des Handelns, auf die wir uns durch Selbstreflexion beziehen müssen, eine allumfassende konsistente Theorie ergeben muss.

Einige zuvor angedeutete, fehlerhafte Kleinigkeiten in der Sozialtheorie entfalten selbst innerhalb der Österreichischen Schule eine große Wirkung, werden vehement vertreten, sind aber tatsächlich nicht konsistent mit der Theorie des Handelns, die schließlich alle Sozialwissenschaften umfassen soll. Diese grundlegenden Mängel müssen unbedingt korrigiert werden wie ich das im Kapitel über normatives Handeln festgehalten habe.

Dieser Stoff ist zugegeben an vielen Stellen keine leichte Lesekost aus dem einfachen Grund, weil es viele logische Zusammenhänge darstellt, die in allen Details sorgsam nachvollzogen werden müssen.

Doch die grundlegenden praxeologischen Kapitel, lohnen sich, dass man sie genau versteht. Ich bin sogar überzeugt, dass in der libertär-wissenschaftlichen Szene niemand mehr daran vorbeikommen wird.

Die Praxeologie – epistemologisch vergleichbar elementar wie Logik und Mathematik – baut sich naturgemäß aus den eindeutigen und scharfen Begriffen des Handelns auf.

Jede Vereinbarung und jedes bewusste Verhalten gemäß den selbst gesetzten Regeln unterliegt genauso dem Begriff des menschlichen Handelns wie jedes andere in der Ökonomie beschriebene bewusste Verhalten. Es ist daher eine logische Schlussfolgerung, dass die normativen Maßnahmen des Menschen in der von ihm gewählten Ordnung unter dem selben Begriff des Handelns zu betrachten sind.

Eine logische Erweiterung bzw. Korrektur von Mises' Human Action ist angemessen denn Mises hat die Justiz nicht als Mittel des Handelns eingeordnet. Es soll verdeutlicht werden, dass es sich dabei um einen folgenreichen Irrtum handelt. Mit anderen Worten: Der Justiz kann ihr Platz praxeologisch eindeutig im Handeln zugewiesen werden. Damit werden auch alle dezidierten Eigentums- und Naturrechtstheorien und der sich auf einen Rechtsstaat beziehende Liberalismus hinfällig, weil die Frage der Gerechtigkeit epistemologisch bereits im Handeln gefasst werden muss.

Warum die sogenannten minimal-staatlichen Ansätze wissenschaftlich zurückzuweisen sind, muss in diesem Werk nicht noch einmal begründet werden. Fast, wenn nicht jedes ideologie-kritische Detail ist von Anarchokapitalisten zur Genüge behandelt worden. Jeder Stein des Zweifels ist in der Theorie mindestens mehrmals herumgedreht worden3, um am Ende ein ganz klares Credo für das Fundament des Anarchokapitalismus zu verkünden4. Etwas weniger energisch, aber ebenso eindeutig, fällt das wissenschaftliche Urteil über die Strategien zu Gunsten der individuellen Sezession.

Wie aus all den Argumenten hervorgeht, könnte der konsequente Weg zur Erreichung einer Privatrechtsgesellschaft aus einem Staat, der sein Gewaltmonopol nicht aufgeben muss, nur über den Weg einer Sezession erfolgen.

Im letzten, strategischen Abschnitt habe ich nicht nur die soziale Bedeutung der individuellen Sezession beschrieben, sondern auch den Begriff der Sezession als solchen analysiert, um systematisch herauszuarbeiten, welche politischen Anforderungen er tatsächlich stellt. Auch dieser Abschnitt muss praxeologisch sein und darf nicht so positiv formuliert werden wie einige Politikwissenschaftler es versuchen, dass sie ein Sezessionsrecht begründen, dass der Staat respektieren muss oder gar gewähren soll. Daraus könnte im Gegensatz niemals ein praktisches Konzept entwickelt werden.

Norbert Lennartz, August 2013.


1 Wenn man die zum Beispiel die Schule um Hermann Heinrich Gossen im ökonomischen Zusammenhang mit Menger diskutiert, dann gibt es auch begriffliche Überschneidungen zum ethischen Teil der Praxeologie in Epikurs Ethik, im Naturrecht der Stoiker, den Thomisten und den spanischen Scholastikern.

2 Oder alternativ das Standardwerk von Rothbard Man, Economy and State oder die Praxgirl-Videos im Internet.

3 Vergleiche Richard A. Garner. Minarchy Considered. Libertarian Papers 1.37 (2009).

4 Vergleiche Jesús Huerta de Soto: »Classical Liberalism versus Anarchocapitalism«, in Property, Freedom, and Society: Essays in Honor of Hans-Hermann Hoppe von Jörg Guido Hülsmann und Stephan Kinsella (eds), Ludwig von Mises Institute, 2009. <mises.org/daily/3791>. (Deutsche Übersetzung auf apriorist.de).




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