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Fragen zu "Praxeologie für Ordnung und Sezession" (I)

By Norbert Lennartz on Apr 06, 2014. Comments (0)


Hier antworte ich auf Reaktionen zum Buch Praxeologie für Ordnung und Sezession
Die absolute und aprioristische Eigentumstheorie vieler Libertärer kam mir schon länger seltsam vor. Was sollte man z. B. in einer Privatrechtsgesellschaft mit jemand machen, der verstreut überall winzige Grundstücke kauft, nicht um sie selbst sinnvoll zu nutzen, sondern nur um möglichst viel Geld rauszuschlagen, wenn für irgendein Großprojekt eine zusammenhängende Fläche benötigt wird?

Mit Ihrem Buch betonen Sie, dass die Justiz selbst der Praxeologie unterliegt. Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel von Kris Borer: https://mises.org/document/6036/Cause-No-Conflict
Er begründet, dass Eigentum in Bezug auf Handlungen zu verstehen ist (z. B. Schaukeln an einem Ast oder Klettern auf einen Baum), und nicht das Recht, andere von einem physikalischen Gegenstand auszuschließen im Vordergrund steht. (Um einen Baum fällen zu dürfen, braucht man allerdings das exklusive Recht an dem Baum.)

Ich versuche ja klar zu machen, dass man mit Wörten vorsichtig sein muss. Es ist eine uralte Binsenweisheit, dass man aus einer Erscheinung keine Regel ableiten kann (Sein-Sollen-Dichotomie). In dem Fall ist "Recht" und "Eigentum" bloß eine Vorstellung wie etwas sein sollte, um es damit irgendwie zu lösen. Das führt immer zu einem Positivismus, den man mit Gewalt durchsetzen müsste. Der Artikel von Kris Borer erkennt auch an, dass Eigentum mit Handlung zu tun hat, aber nicht, dass Eigentum eine Erscheinung (Idee) ist, die sich anschließend aus den Handlungen ergibt, wenn man das Ergebnis so bezeichnen will.

Einfacher und logisch korrekt ist es zu sagen, dass jeder alles tun darf, solange er sich nicht in einen Selbstwiderspruch begibt. Der Widerspruch als solcher ist bereits in der Logik eine Allzweckwaffe. Es gibt keinen Grund, warum das hier anders sein sollte, wenn wir es logisch betrachten. Und deshalb funktionieren die normativen Angelegenheiten alle über den performativen Widerspruch. (Darauf hat mich der Artikel von Steven Yates gebracht.)

Wenn wir jetzt das Beispiel mit dem Grundstücksankauf nehmen, hängt es davon ab, ob die Gesellschaft mit solchen Leuten kooperieren will oder nicht. Wenn nicht, dann können die den ganz einfach unterdrücken und Gewalt anwenden. Betrachten die es hingegen als eine legitime Handlung, dann dürften sie es schwer haben, es zu verhindern, weil sie mit gerichtlichen Mitteln, also mit einer objektiv wahren Überzeugung, nicht dagegen argumentieren.

Damit eine Sezession gelingt, sollten die Sezessionisten, meiner Ansicht nach, die öffentliche Meinung im gesamten Land für sich gewinnen. Warum sollte Restdeutschland sich nicht darüber freuen, wenn es die verrückten Schwaben endlich los wird, die sich noch nicht einmal dann wirklich für einen neuen Hauptbahnhof begeistern können, wenn sie dafür Geld aus Berlin bekommen …

Gibt es außer Singapur noch mehr Fälle, wo ein Bundesland oder eine Provinz gegangen wurde?

Wenn sich BaWü von der BRD trennt, dann ist das Separatismus. Es ist klar, dass das so ein Vorgang von der öffentlichen Meinung abhängig ist. Mir schweben Sezessionen im sehr viel kleineren Format vor. So ein gerade neues Separationsgebiet kann da eine gute Gelegenheit sein, weil die Separatisten ja schlecht sagen können, "was wir gerade gemacht haben, dürft ihr nicht machen". Außerdem ist die Verwaltung anfangs wahrscheinlich noch nicht besonders effektiv. Wenn man jetzt berücksichtigt, dass z.B. die EU sich selbst zerstört, dann könnten überall Separationen entstehen (Katalonien, Schottland, Flandern, Südtirol, Venetien usw.), also Gebiete, die anfällig für individuelle Sezessionen sind.

Vorwort zu "Praxeologie für Ordnung und Sezession"

By Norbert Lennartz on Mar 21, 2014. Comments (0)

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Vorwort

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Norbert Lennartz:
Praxeologie für Ordnung und Sezession
H.W. Holzinger, 2014

Dieses spezielle Buch wendet sich an Fortgeschrittene, die die Österreichische Schule und die Philosophie des sogenannten Anarchokapitalismus in ihren wesentlichen Zügen kennen.

Es gliedert sich in drei Teile.

1. Teil: Das korrekte Verstehen

2. Teil: Praxeologie der normativen Ordnung

3. Teil: Grundlagen der Sezession

Die ersten beiden Teile lassen sich schwer voneinander trennen. Mein Bemühen im zweiten Teil zielt dahin, offensichtliche Lücken in dieser Lehre zu schließen. Nun wäre meine Aufgabe hier gar überflüssig, wenn die Gelehrten dieser Literatur sich stets selbst an das von ihnen vertretene Denksystem der Praxeologie und der damit notwendigen Epistemologie halten würden. Jedoch ist nicht selten ein schwieriges Missverhältnis um Grundsätze unverkennbar, welches darin begründet zu sein scheint, dass bestimmte erkenntnistheoretische und praxeologische Fakten vernachlässigt werden, vielleicht auch, weil zwar die Helden wie Mises und Rothbard überall als Kult gefeiert, aber Mises' Denkweise nicht wirklich verinnerlicht wurde. Dies wird insbesondere daran deutlich, dass man zu bestimmten problematischen Aspekten der rechtschaffenen Eigentumsbildung schweigt.

Wie könnte zum Beispiel in der staatenlosen Gesellschaft ein Naturschutzgebiet entstehen, wenn die Beteiligten der Eigentumstheorie eines John Locke anhängen? Müsste man dementsprechend ein Gebiet vorher aufkaufen oder etwa bearbeiten? Diese Handlungen würden bereits im Widerspruch zu einem sogenannten Naturschutzgebiet stehen. Spezieller müsste gefragt werden dürfen, wer oder was diesen Arbeitsbegriff überhaupt bestimmt. Und wenn dies tatsächlich geschähe, wäre das nicht eine positivistische Festlegung, die man auf dem Gebiet der Ideologie- und Staatskritik seit je her energisch zurückgewiesen hat? Und wie geschähe dann überhaupt eine möglicherweise notwendige Rationierung wichtiger natürlicher Ressourcen wie etwa von Grundwasser? Sollte sich jeder daran im ökonomischen Exzess bedienen dürfen?

All die damit verbundenen praxeologischen Fragen können offensichtlich so nicht gelöst werden. Und trotzdem scheinen sich manche Anhänger dieser Interpretation ihrer Sache viel zu sicher. Darüber hinaus ist schon seit Bemerkungen von z.B. Nozick und Tannehill (die »Arbeit« als subjektiv beschreiben) das Argument bekannt, dass das Lockeanische Eigentums-Konzept – allein durch Arbeit durch eine erste Inbesitznahme freier Ressourcen legalen Besitz zu schaffen – philosophisch und praxeologisch unzureichend sein muss. Und trotzdem hat die Österreichische Schule seit Murray Rothbard es nicht geschafft (nicht einmal versucht) diese wichtige theoretische Angelegenheit tatsächlich innerhalb der Praxeologie konsistent und einsichtig zu klären – wie später freilich noch im Detail zu erläutern ist.

Aber da das eigentliche Problem tiefer liegt, nämlich das korrekte Verständnis der Praxeologie in der Geschichte der Philosophie lange Zeit stecken geblieben ist, scheint der erkenntnistheoretische Irrtum bereits traditionell verwurzelt zu sein. Denn das Verständnis im Begriff des Handelns blieb – historisch betrachtet – in den Kinderschuhen der Rationalisten1 stecken. Und so hat die Praxeologie mit oder ohne ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen erst durch Ludwig von Mises einen Durchbruch erfahren. Stattdessen hat John Locke das neuzeitliche Denken für »Eigentum« bis heute geprägt, aber offensichtlich aus politischen Gründen – nicht aus philosophisch praxeolgischer Erkenntnis. Durch Lockes Theorie des Eigentums und der Erstaneignung mittels Arbeit war es erstmals möglich geworden, die bis dahin unangefochtene, sogenannte Okkupationstheorie des Eigentums zu Ungunsten der Feudalherren philosophisch populär begründet zurückzuweisen. Auch das Naturrecht und die Aufklärung – zwei Begriffe, die sich dem politischen Einfluss nicht entziehen – wurden offensichtlich dadurch zu einer ansehnlichen Blüte angetrieben.

Die geistigen Anstrengungen für jeden, der die reine Philosophie verstehen und sich das theoretische Rüstzeug verschaffen will, müssen demnach innerhalb der Erkenntnistheorie begonnen werden. Das Kapitel über die Grundlagen der Epistemologie beschreibt das aus Selbstreflexion abgeleitete System, in dem wir uns offensichtlich befinden und denken. Man kann es nicht ableugnen, ansonsten würden wir unsere eigene Existenz ableugnen. Nur in dieser Weise sind wir in der Lage etwas zu erfassen und es dann gedanklich weiter zu verarbeiten. Nur innerhalb dieser Reflexion ergeben alle weiteren Gedanken und Theorien überhaupt einen Sinn, wenn sie real und konsistent sein und über den Status einer anspruchslosen Pragmatik hinausreichen sollen.

Von diesem Grundsatz haben sich dagegen vor allem die Intellektuellen weit entfernt, die meist von politischen Auftraggebern abhängig sind. Die Tatsache, dass die Menschen nach Unterhaltung einerseits und bezahlter Anerkennung in ihrem Wirkungskreis andererseits streben, führt im wissenschaftlichen Bereich dazu, dass sich die Universitäts-Bibliotheken mit nutzlosen Regalmetern füllen. Das macht es nicht leicht, überhaupt etwas gegen das Dickicht der herrschenden Verwirrung und Arroganz auszusetzen.

Und dennoch existieren die meisten und wichtigsten logischen Bausteine für dieses Buch bereits in der Literatur. Um nicht das Rad abermals neu zu erfinden, beziehe ich mich natürlich darauf. In diesem Sinne beziehe ich mich insbesondere auf den vorderen Teil von Human Action, in dem Mises die Grundlagen der Praxeologie erklärt. Es ist eigentlich eine wichtige Voraussetzung diesen Abschnitt gut zu kennen,2 bevor Sie dieses Buch lesen. Der wichtige normative Part, der bei Mises fehlt, wird ergänzt.

Wer einmal die Grundlagen der Epistemologie aus praxeologischer Sicht verstanden hat, wird sehen, dass die gesamte Theorie des Handelns, auf die wir uns durch Selbstreflexion beziehen müssen, eine allumfassende konsistente Theorie ergeben muss.

Einige zuvor angedeutete, fehlerhafte Kleinigkeiten in der Sozialtheorie entfalten selbst innerhalb der Österreichischen Schule eine große Wirkung, werden vehement vertreten, sind aber tatsächlich nicht konsistent mit der Theorie des Handelns, die schließlich alle Sozialwissenschaften umfassen soll. Diese grundlegenden Mängel müssen unbedingt korrigiert werden wie ich das im Kapitel über normatives Handeln festgehalten habe.

Dieser Stoff ist zugegeben an vielen Stellen keine leichte Lesekost aus dem einfachen Grund, weil es viele logische Zusammenhänge darstellt, die in allen Details sorgsam nachvollzogen werden müssen.

Doch die grundlegenden praxeologischen Kapitel, lohnen sich, dass man sie genau versteht. Ich bin sogar überzeugt, dass in der libertär-wissenschaftlichen Szene niemand mehr daran vorbeikommen wird.

Die Praxeologie – epistemologisch vergleichbar elementar wie Logik und Mathematik – baut sich naturgemäß aus den eindeutigen und scharfen Begriffen des Handelns auf.

Jede Vereinbarung und jedes bewusste Verhalten gemäß den selbst gesetzten Regeln unterliegt genauso dem Begriff des menschlichen Handelns wie jedes andere in der Ökonomie beschriebene bewusste Verhalten. Es ist daher eine logische Schlussfolgerung, dass die normativen Maßnahmen des Menschen in der von ihm gewählten Ordnung unter dem selben Begriff des Handelns zu betrachten sind.

Eine logische Erweiterung bzw. Korrektur von Mises' Human Action ist angemessen denn Mises hat die Justiz nicht als Mittel des Handelns eingeordnet. Es soll verdeutlicht werden, dass es sich dabei um einen folgenreichen Irrtum handelt. Mit anderen Worten: Der Justiz kann ihr Platz praxeologisch eindeutig im Handeln zugewiesen werden. Damit werden auch alle dezidierten Eigentums- und Naturrechtstheorien und der sich auf einen Rechtsstaat beziehende Liberalismus hinfällig, weil die Frage der Gerechtigkeit epistemologisch bereits im Handeln gefasst werden muss.

Warum die sogenannten minimal-staatlichen Ansätze wissenschaftlich zurückzuweisen sind, muss in diesem Werk nicht noch einmal begründet werden. Fast, wenn nicht jedes ideologie-kritische Detail ist von Anarchokapitalisten zur Genüge behandelt worden. Jeder Stein des Zweifels ist in der Theorie mindestens mehrmals herumgedreht worden3, um am Ende ein ganz klares Credo für das Fundament des Anarchokapitalismus zu verkünden4. Etwas weniger energisch, aber ebenso eindeutig, fällt das wissenschaftliche Urteil über die Strategien zu Gunsten der individuellen Sezession.

Wie aus all den Argumenten hervorgeht, könnte der konsequente Weg zur Erreichung einer Privatrechtsgesellschaft aus einem Staat, der sein Gewaltmonopol nicht aufgeben muss, nur über den Weg einer Sezession erfolgen.

Im letzten, strategischen Abschnitt habe ich nicht nur die soziale Bedeutung der individuellen Sezession beschrieben, sondern auch den Begriff der Sezession als solchen analysiert, um systematisch herauszuarbeiten, welche politischen Anforderungen er tatsächlich stellt. Auch dieser Abschnitt muss praxeologisch sein und darf nicht so positiv formuliert werden wie einige Politikwissenschaftler es versuchen, dass sie ein Sezessionsrecht begründen, dass der Staat respektieren muss oder gar gewähren soll. Daraus könnte im Gegensatz niemals ein praktisches Konzept entwickelt werden.

Norbert Lennartz, August 2013.


1 Wenn man die zum Beispiel die Schule um Hermann Heinrich Gossen im ökonomischen Zusammenhang mit Menger diskutiert, dann gibt es auch begriffliche Überschneidungen zum ethischen Teil der Praxeologie in Epikurs Ethik, im Naturrecht der Stoiker, den Thomisten und den spanischen Scholastikern.

2 Oder alternativ das Standardwerk von Rothbard Man, Economy and State oder die Praxgirl-Videos im Internet.

3 Vergleiche Richard A. Garner. Minarchy Considered. Libertarian Papers 1.37 (2009).

4 Vergleiche Jesús Huerta de Soto: »Classical Liberalism versus Anarchocapitalism«, in Property, Freedom, and Society: Essays in Honor of Hans-Hermann Hoppe von Jörg Guido Hülsmann und Stephan Kinsella (eds), Ludwig von Mises Institute, 2009. <mises.org/daily/3791>. (Deutsche Übersetzung auf apriorist.de).

Der Aufmerksamkeitseffekt -- der Weg der Absonderung

By Norbert Lennartz on Aug 16, 2012. Comments (3)



Dies ist eine Fortsetzung von: Die Ausgangslage für den Anarchokapitalismus und Sezession

Was ist überhaupt die Anatomie einer Sezession?

Zunächst schauen wir uns eine Definition an:

Now, secession is the one-sided disruption of a hegemonic bond by the subjects. It thus means two things: (A) the subjects no longer support the ruler’s violating property rights of other people, for example, they stop paying taxes or serving the ruler; and (B) they start to resist him when he violates their own or other people’s property rights.

Secession is a special subclass of political reform. It is not the rulers who carry out the reform by modifying existing political bonds, but the ruled, who unilaterally abolish these bonds. More precisely, the secessionists abolish the hegemonic aspect of existing institutions. For example, in the area of the production of defense, secession does not necessarily mean that a presently existing police force or a presently existing army is dissolved. The police or the army could continue to exist, provided it operates on the basis of purely voluntary bonds with the rest of society. There would then be no more draft, and their monetary proceeds would no longer stem from taxation, etc.

J.G. Hülsmann bezieht sich hier auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen "sozialer Kooperation", also zwischen einer freien kooperativen Gesellschaft (bei Mises "cooperation by virtue of contract and coordination") und einer Gesellschaft, die ihre Bürger über Befehl und Gehorsam an sich gebunden hat ("cooperation by virtue of command and subordination or hegemony." Logischerweise müssen die "Subjekte" diese Bindung einseitig "kündigen". Dabei kann man die Sezession als eine "Unterklasse der politischen Reform" betrachten, bei dem nicht etwa die politischen Herrscher die Initiative ergreifen, sondern die Beherrschten. Die eigentlichen Waffen der Herrscher, also ihre ausführende Gewalt, muss dem begriff nach nicht notwendigerweise einer Sezession im Wege stehen, sondern Polizei und Streitkräfte könnten in einer neuen Ordnung auch übernommen werden, sofern man sie dort brauchen kann.

Hülsmann führt auch aus, dass eine Sezession nicht zwingend an ein zusammenhängendes Gebiet gekoppelt sein muss oder eine vollständige Unabhängigkeit bedingt.

Um die Voraussetzungen und Probleme einer Sezession wirklich verstehen zu können, ist ferner ein grundsätzlicher Einblick in deren Anatomie von Bedeutung, wie sich Staaten zueinander und zu Gebieten ohne territoriale Macht verhalten. Warum wird z.B. Malta, Liechtenstein oder Andorra nicht einfach von einem der umgebenden Ländern annektiert, wenn letztere an für sich viel mächtiger sind? Es gibt folglich etwas, das Staaten davon abhält, ein nach außen militärisch schlechter geschütztes Gebiet einzunehmen. Dies können internationale Schwierigkeiten sein, die in dem Akt der Annektion eine Friedens-Verletzung sehen und dann auf den intervenierenden Staat Gegendruck ausüben könnten. Man kann annehmen, dass fast alle Kleinstaaten auf diese Weise nach außen geschützt sind. Eine andere Möglichkeit ist, dass der innere Frieden in Gefahr geraten könnte und eine Intervention die Stabilität im angreifenden Staat selbst von innen gefährden würde, so dass sich eine Intervention dieser Art nicht lohnt, und eine weitere Möglichkeit wäre, dass ein potentieller Aggressor sich möglicherweise selbst intern bereits durch formale bürokratische oder traditionelle Strukturen militärisch handlungsunfähig gemacht hat.

Insofern gibt es eine Ebene auf der Territorien und Staatsgrenzen relativ stabil erscheinen und diesen Effekt kann man dadurch definieren, dass alle Gebiete auch eine politische Bedeutung haben.

Es gibt also nicht nur politische Relationen zwischen der Gesetzesordnung der Regierung und den Bürgern des jeweiligen nationalen Gebietes, sondern auch zwischen Staat und anderen Staaten oder bei erfolgreicher Separation auch eine zwischen Separation und dritten Staaten oder Streitkräften oder einer beteiligten Bevölkerung.

Bei einer Sezession existiert die Ebene mit ihren Relationen zunächst noch nicht. Diese kann erst entstehen, wenn der Staat eine Zeit lang die exekutive Gewalt über das Sezessionsgebiet verloren hat und neue politische Maßnahmen organisieren müsste, um die Herrschaft wieder zu etablieren, da ein Wiederherstellen einer handlungsfähigen Exekutive alleine nicht ausreichen würde, um den Staatsbetrieb wieder erfolgreich zu installieren, ohne darüber hinausgehende besondere Gewalt gegen den Widerstand der vollzogenen Ungerechtigkeiten aufwenden zu müssen. Wenn der Staat so gegenüber den Austrittswilligen agieren müsste, dann kann er nicht mehr nur mit seinen eingeübten gesetzlichen Mitteln operieren und kann damit auch nicht mehr ausschließlich die Menschen auf diesem Wege individuell gesetzlich behandeln und sanktionieren, sondern er muss dann mit den Sezessionisten als politisches Phänomen umgehen. Letzteres führt a priori dazu, dass die Sezessionisten auch als solches vom Staat beachtet werden. Es würde also staatliche Hoheitsakte geben, die sich auf das politische Phänomen insgesamt richten und nicht nur auf einzelne Sezessionisten. Das kann gut oder schlecht sein. Aber damit verliert der Staat an Kraft von seiner gesetzlichen Autonomie und die Verhandlungsposition der Sezessionisten ist eine andere, weil sie es nicht mehr einfach mit der gesetzlichen Bürokratie zu tun haben, die sie formal-technisch im Zusammenspiel der bürokratischen staatlichen Gewalt einfach unterdrücken kann, sondern direkt oder indirekt mit "gegnerischen" Institutionen der Legislative (und ggf. auch der völkerrechtlichen Jurisdiktion).

Damit wird das Ziel einer wesentlichen ersten Stufe deutlich, das bei der Loslösung von einem Staat erreicht werden muss: Der Staat muss aufgrund vollendeter Tatsachen dahin gebracht werden, mit einer wie auch immer gearteten Austritts-Diplomatie Kontakt aufzunehmen. Auch wenn er nur Drohungen ausstößt -- die Tatsache, dass er gegen eine bestimmte Gruppe insgesamt oder deren politische Vertretung agiert und nicht gegen einzelne Bürger, setzt neue politische Fakten. Wenn diese Situation eintritt, dann kann damit begonnen werden eine Bewaffnung zur Schau zu stellen, damit klar wird, dass der Staat nicht ohne jede weitere Eskalation den alten Zustand (politisch verfälschend als "Friede" bezeichnet) wiederherstellen kann. Wie man diesen zweifellos kritischen Schritt umsetzen kann, sollte Streitpunkt weiterer Fachdiskussionen sein. Zufrieden stimmt allerdings, dass diese Sicht mit dem Völkerrecht harmoniert. Das Völkerrecht wird gewöhnlich von jenen vertreten, die Staaten als legitime Organisationen betrachten, deren gewaltsame Machtansprüche sich durchzusetzen vermögen. Dieses Völkerrecht besitzt demnach einen hohen Grad an politischer Pragmatik und wenig ethische Durchsetzbarkeit. Die vorgenannte Beschreibung des Aufmerksamkeit-Effektes ist auch eine pragmatische, moralfreie Sicht, d.h. sie würde letztlich vom Völkerrecht getragen werden müssen. (Vergleiche Kap. XI, Erklärung über Hoheitsgebiete ohne Selbstregierung, Artikel 73: "Mitglieder der Vereinten Nationen, welche die Verantwortung für die Verwaltung von Hoheitsgebieten haben oder übernehmen, deren Völker noch nicht die volle Selbstregierung erreicht haben, bekennen sich zu dem Grundsatz, dass die Interessen der Einwohner dieser Hoheitsgebiete Vorrang haben;" )

Versuchen wir das Vorhergehende noch einmal kürzer zu formulieren. Einerseits ist zu betonen, dass eine Sezession ohne Bewaffnung wenig Sinn macht. In dem Fall kann der Staat jederzeit wieder Gesetze und Exekutive etablieren, wenn er sich erholt hat. Andererseits stellt sich die Frage, wann mit der "Aufrüstung" zu beginnen ist. Aber der Zweck der Bewaffnung ist klar. Sie soll verhindern, dass der Staat wieder einfach tätig werden kann. Wie wir gesehen haben, ist es notwendig einen "politischen Konflikt" (in der etatistischen Dialektik) zu provozieren. Wenn hohe Politiker sich dann öffentlich gegen uns als Gruppe engagieren, ist die Stunde gekommen, an dem die Auseinandersetzung über die Medien eskaliert werden muss, damit lokal und vielleicht international deutlich wird, dass es sich um einen völkerrechtlichen Konflikt handelt, der zur Aufrüstung berechtigt und damit deutlich macht, dass eine staatliche Etablierung ohne weitere politische Zuspitzung der Krise nicht mehr möglich ist. Das heißt, der Staat wäre selbst nicht mehr in der Lage "Frieden" (also staatliche "Ordnung") herzustellen, sondern nur das Gegenteil. Wann und wie mit der "Aufrüstung" begonnen wird, hängt stark davon ab, wo und wann man es macht. Es wäre dann ein Bestandteil der Fachgespräche, wie man einen bestimmter Punkt definiert, der quasi die Ablösung triggert. (Hülsmann erklärt auch, dass es kein unüberwindbares Hindernis darstellen muss, sich die Struktur der Bewaffnung am Schwarzmarkt zu besorgen.)

Ich habe nun den Begriff der Sezession in einen politischen Kontext gesetzt. Deswegen kann die Frage aufkommen, was eine vom Ziel apolitische Sezession daran ändern kann, wenn sie zugleich eine politische Form der Absonderung benötigt? Ist es ein Selbstwiderspruch, wenn Sezessionisten ihre unpolitische Freiheit vor einem "politischen" Macht-Plenum einfordern, wenn sie diese Macht zuvor mit "politischen" Mitteln bändigen müssen? Vor diesem Hintergrund ist eine Sezession (lat. secessio „Absonderung“, „Abspaltung“, „Abseitsgehen“) nur sinnvoll denkbar, wenn die Absonderung keine eigenen politischen Mittel braucht, d.h., wenn es nur eine technische Form verlangt oder wenn Staat an sich zuvor zerfällt, so dass dessen Macht abhanden kommt, um Sezession zu unterdrücken.

Ich möchte diesen scheinbaren Selbstwiderspruch auflösen. Dieses politische Verständnis der politischen Einheiten, die per Gewalt entstehen, gehört in die Kategorie des politischen Denkens. Das Ergebnis der individuellen Sezession beruft sich nicht darauf, sondern benutzt lediglich den Terminus dieses Absonderungseffektes als Abwehr der Kategorie des politischen Denkens genauso wie wir uns nicht auf das Völkerrecht berufen. Das Völkerrecht ist ja auch ein Begriff des politischen Denkens. Wir definieren uns nicht über das Völkerrecht, sondern wir demonstrieren lediglich, dass die einseitige staatliche (Aus)Nutzung des Völkerrechts gegen Sezession (und Separation ebenfalls) zum Selbstwiderspruch führt. Genauso führt dann die Demonstration von Macht zur Abwehr gegen den Staat zum praktischen Selbstwiderspruch, wenn der Staat daran scheitert, eine Sezession zu verhindern. Er hat dann in seiner eigenen Begriffssetzung verloren. Das ist wichtig, wenn es auch Bestrebungen gibt, politisches Denken in eine individuelle Sezession hinein zu transportieren.

Nehmen wir an, eine Sezession sei erfolgreich erfolgt. Damit wären noch nicht alle Probleme in Beziehung zu den umgebenden Staaten erledigt. Zuvor habe ich von einem "Absonderungseffekt" gesprochen. Was nun kommt, nenne ich einen möglichen Provokationseffekt, den es zu vermeiden gilt.

Der Provokationseffekt

Ein ganz anderes Problem, dass sich den Sezessionisten stellt, ist der Friede von innen, um die Rückeroberung (oder potentielle Inkorporation durch einen Staat = Gegenteil der Sezession) zu vermeiden.

Wenn durch Sezession neue wirtschaftliche Kapazitäten geöffnet werden, werden diese durch schnelles Wachstum in lohnenswerte Investitionsumgebungen wieder schnell besetzt. Durch die Beseitigung des Gewaltmonopols würden mit bestimmten komparativen Kosten-Vorteilen wahrscheinlich auch immense wirtschaftliche Handelsvorteile entstehen. Das ist selbstverständlich die ökonomische Grundlage, auf der sich Sezession rechnet und die hier beworben wird. Gleichzeitig werden hierdurch aber auch bestimmte Risiken geweckt. Da in einer Privatrechts-Gesellschaft (wie Hoppe sie nennt) einige Regeln gegen den Laissez faire nicht beachtet werden müssen (z.B. keine Patente, Drogenfreiheit, Waffenfreiheit, Schulfreiheit, freies Geld), die unter staatlichem Handeln durchgesetzt werden, könnten sich bestimmte Regierungen durch Sezessionen bedroht fühlen, so wie sie sich auch durch sogenannte "Steueroasen" und ähnliches bedroht sehen.

Andererseits treten diese Aspekte wahrscheinlich erst nach einer erfolgreichen Sezession auf, denn solange Sezessionisten sich legal verhalten, hat ein Staat keine gezielten Propagandamittel gegen eine entstehende Sezession und obige Dinge müssen in der ersten Phase nach der "Illegalität" des Austritts nicht auf die Spitze getrieben werden. Später verliert sich jedoch möglicherweise langsam die Aufmerksamkeit dafür. Doch diese Probleme der Phase einer ersten Auseinandersetzung gegen die Gesetze des Staates zur Erreichung einer bestimmten erfolgreichen Loslösung und eine spätere Phase zur Einfügung in eine gewisse "internationale Wettbewerbsordnung" müssen prinzipiell auseinander gehalten werden, da sie strategisch nichts miteinander zu tun haben. Vielmehr handelt es sich um die Sorge der inneren Struktur, die alles beisammen hält wie Stefan Blankertz dies bei der segmentären Opposition beschreibt. (Wenn die segmentäre Opposition in einer Ethnie auseinanderfällt, dann kann aufgrund der Akzeptanz anderer Durchsetzungsmechanismen ein Staat entstehen.)

Die Ausgangslage für den Anarchokapitalismus und Sezession

By Norbert Lennartz on Jun 23, 2012. Comments (1)



Dies ist eine Fortsetzung von: Der Ausweg und die Aufgabe

Bevor es zu den Fragen geht, die mit Sezession verbunden sind, gilt es noch einmal die Ausgangssituation darzustellen. Unsere Ausgangsposition ist durch die Welt bestimmt, in der wir uns zur Zeit befinden. Die Situation ist eine andere als der Zerfall des Feudalismus, die Phase nach dem zweiten Weltkrieg oder der Zusammenbruch des Warschauer Paktes, sondern eine Welt, deren Etatismus sich an die Grenzen der praktischen Durchführbarkeit bringt, indem er Bedingungen schafft, die für die Masse der Bewohner auch mental kaum mehr tragbar sind. Gemeint ist freilich die Situation der zunehmenden Verschuldung, die so viele Staaten in der Welt gleichzeitig betrifft, dass sie sich nicht einmal mehr gegenseitig aus der Patsche helfen können. Unter diesem Szenario sind vor allem zwei Entwicklungen denkbar. Die eine Entwicklung ist die, dass Staaten mit "Faschismus" eine Zeit lang ihre prekäre Lage unter Kontrolle bringen. Die andere politische Situation ist die, dass Regionen, die sich von der politischen Entwicklung benachteiligt sehen, in verschiedene Separationsbestrebungen engagieren und damit mehr oder minder Erfolg haben. Diese angespannten Situationen könnten im günstigen Fall die Möglichkeiten bieten, auch individuelle Sezession durchzuführen.

Die grundsätzliche Frage ist nun, was man vor diesem Hintergrund als jeweiliger Spezialist machen kann bzw. nicht machen sollte. Es gibt theoretisch viele Wege das staatliche System zu schwächen, z.B. über Privatwährungen, über Bewerbung des libertären Verständnis in der Bevölkerung u.a. wie es auch zu beobachten ist. Das sind Vorgänge, die auch stattfinden, ohne dass wir uns darum heute kümmern müssen. Es gibt im Prinzip genug Personen, die das versuchen, während die Spezialisten, also wir als ernsthafte engagierte Anarchokapitalisten eine relativ kleine, versprengte Gruppe sind, die sich klugerweise nicht auch noch darin verausgaben sollte, sondern das ist ein Service, den man bestenfalls hier und da ein wenig coachen braucht, wenn er zu sehr droht, auf Abwege zu geraten. Nein, man muss sich natürlich fragen, was fehlt in diesem Umfeld an Leistungen, die erbracht werden müssen, damit ein gewünschtes Unternehmen erfolgreich sein kann? Und das ist natürlich das Unternehmen über das ich hier schreibe, das Unternehmen in die individuelle Sezession, dass nur ernsthafte engagierte Anarchokapitalisten ausreichend erfassen können. Einschränkung: vorausgesetzt, dass es möglich und nötig ist. Es könnte natürlich auch theoretisch sein, dass sich Etatismus als solcher von seiner endgültigen Krise nicht mehr erholt und dass man eigentlich gar nichts machen muss; aber das ist für absehbare Zeit eher unwahrscheinlich; und andererseits bedeutet das nicht, dass man diesen Vorgang, falls möglich, nicht befördern und ggf. davon sogar profitieren kann, wie noch auszuführen ist.

Nun habe ich ganz bewusst über Unternehmen und Profit gesprochen. Was meine ich damit? Solange die Handelnden in einem System zu moralischem Fehlverhalten animiert werden, ist jede zuverlässige Planung zum Scheitern verurteilt. Ich denke, das beantwortet auch die Frage nach einem Gründungsdokument oder ähnlichem. Ich beziehe mich also auf ein einfaches ökonomisches Prinzip des Handelns, nämlich, dass alle Personen für sich selber und in eigener Verantwortung agieren können. Diese Grundlage führt zu Zuverlässigkeit und Akzeptanz untereinander.

Das ökonomische Prinzip, dass Freiheit nur über den Markt erreichbar sein kann, ist essentiell. Das impliziert auch, dass kein Altruismus im größeren Maßstab erwartet werden kann. Altruismus mag in der Familie oder unter Freunden gut funktionieren (unter eng begrenzten Zielen auch mit Abstrichen in Vereinen oder Open Source Gruppen). Doch wegen der fehlenden sozialen Mechanismen für individuelle Belohnung und Sanktion muss Altruismus im größeren Maßstäben versagen. D.h. unsere Überlegungen müssen streng ökonomisch sein, wenn sie sich auf offene soziale Strukturen richten. Das ist einerseits eine Voraussetzung, um das zu leisten, was wir wollen, andererseits verdeutlicht es, dass wir uns auch auf einfacher Vertragsbasis begegnen können -- mit einer Einschränkung im Vorfeld allerdings: Der Markt dafür existiert ja noch nicht. Was ich gerade mache, ist lediglich reine Pionierarbeit, um diesen Markt zu schaffen. Gäbe es bereits eine Industrie für Sezession, also mit Angebot und Nachfrage, dann wäre ich ohne Sorge über diesen Punkt. Aber das Produkt und die Nachfrage muss erst mal mit einem organisatorischen und finanziellen Aufwand geschaffen werden. Über den Bedarf kann es eigentlich keinen Zweifel geben. Es ist eine Art Marketing gefragt, um die Lücke zwischen Bedarf und Nachfrage zu schliessen.

Zum Profit: Ich muss natürlich erst einiges über den möglichen Ablauf erzählen, aber zunächst mal möchte ich klarstellen, was der unternehmerische Anreiz ist. Mancher mag nämlich denken, das Vorhaben sei mit hohen Kosten verbunden und im Falle des Scheiterns droht der Totalverlust des eingesetzten Kapitals und oder Gefängnisstrafen. Genau das verkörpert mein Vorschlag nicht. Wenn z.B. zu so einem Projekt an einem bestimmten Ort Immobilien aufgekauft werden, dann ist es zunächst mal ein reines Anlageprojekt in Sachwerte. Ergibt sich keine Möglichkeit zur Sezession, dann beschränkt sich der Verlust auf die Kosten der Vermögenstransfers und den organisatorischen Kosten die für die Sache bis dahin ausgegeben wurden. Demnach ist das Risiko überschaubar. Auf der anderen Seite, wenn Sezession erfolgreich ist, dann kann das Projekt über den Verkauf der Immobilienanteile wieder abgewickelt werden. Da dann mit erheblichen Wertsteigerungen der Grundstücke zu rechnen ist, übertreffen die Gewinnaussichten die Risiken deutlich.

Nunmehr ist die Frage wie der Fall des Scheiterns minimiert werden kann (um auch die Frage nach dem Risiko zu beantworten). Dafür ist eine genaue Analyse über die Gewaltbereitschaft der betreffenden Staaten in der betreffenden Situation notwendig. Es wäre zu einfach zu sagen, dass ein Staat sich nicht wehrt, wenn er keine Armee hat. Er könnte das immer noch US-Corps und Blauhelmen übernehmen lassen. Es wäre auch zu einfach zu sagen, dass ein Staat zu mächtig wäre, wenn er bis an die Zähne bewaffnet ist, wie die U.S. Es kommt dann immer noch darauf an, ob der Staat noch die organisatorischen Fähigkeiten besitzt, einen Aufstand skrupellos niederzuschlagen. Das war z.B. beim Fall der Mauer 1989 nicht mehr der Fall. Die DDR war trotz beträchtlichen Aufwandes für die Staatssicherheit hoffnungslos am Ende. Was hätte man zu der Zeit von politischer Seite dagegen unternehmen können, wenn sich einige Gemeinden gegen die Wiedervereinigung gewehrt und ihre Unabhängigkeit erklärt hätten? Wäre das kein idealer Ausstiegszeitpunkt gewesen? Ungeachtet, dass die Menschen mit Versprechungen "blühender Landschaften" und barer DM geködert wurden. Es ist natürlich eine andere Sache, wenn ein Staat dem anderen aus der Patsche hilft oder wenn sich eine Staatsform upgraden lässt. Diese Optionen entfallen weitgehend, wenn die westlichen Demokratien ebenfalls durch sozialistische Misswirtschaft am Ende sind. In dem Maße wie lokale Gruppen bereit sein werden, ihre Unabhängigkeit bis zum Äußersten verteidigen zu können, desto schwieriger wird es für den Staat werden, militärische Aggression gegen die "eigne" Bevölkerung zu organisieren, die nichts weiter als ihr legitimes Recht ausübt. Diese staatlichen Kräfte müssten einer Minderheit gehorchen. Dies wird um so schwerer, wenn wachsende Bevölkerungsgruppen aufgrund der Entwicklungen auf verschiedensten föderalen und supranationalen Ebenen zu separatistischen Akten strebt. Diese wohl zwangsläufigen Tumult-artigen Entwicklungen am Ende des westlichen Sozialdemokratismus wird aber nicht zu Libertarismus führen. Wenn man z.B. auf 1989 zurückblickt und bedenkt, was falsch gelaufen ist, dann ist klar, dass die DDR-Bürger keine Vorstellung davon hatten, was Freiheit tatsächlich zu bedeuten hat. Die Politik hat dann sehr schnell diese Gefühle eingesammelt, um sie in einen neuen Etatismus einzukleiden, der ebenfalls wieder zusammenbrechen wird. Es ist wahrscheinlich, dass ähnliches wieder passieren wird, wenn Menschen nicht bereits hier und heute so vorbereitet sind, dass sie so eine Lage für sich zu nutzen im Stande sind. Es gilt dann für den Libertarismus, diese Phase des Verfalls nicht ungenutzt vorüber streichen zu lassen. Wesentliche organisatorische Fragen müssen im Vorfeld beantwortet sein, um schnell genug auf lokaler Ebene handeln zu können.

Im folgendem Kapitel wird über die Begriff der Sezession zu reden sein, da der Begriff schon einige deduktive Voraussetzungen in sich trägt.


Weiter zu: Der Aufmerksamkeitseffekt -- der Weg der Absonderung

Der Ausweg und die Aufgabe

By Norbert Lennartz on Apr 14, 2012. Comments (4)


Wenn Menschen den allgemeinen Geschmack von Freiheit schätzen lernen, dann machen sie verschiedene Stufen durch. Auf der ersten Ebene wissen sie noch nicht viel außer dem, was um sie herum geschieht. Sie engagieren sich also in liberalen und libertären Gruppen mit ähnlichen Neigungen, die lediglich versuchen das System zu ändern, mit Parteien, Protestgruppen und ähnlichem. Erst später lernt der Libertäre allmählich hinzu, dass das System grundsätzlich nicht reformierbar ist, dass das politische Mittel nicht nach einer ablehnenden Meinung fragt, sondern nur dazu dient, das politische Mittel trotz der Widerstände zu exekutieren und dass dies der einzige Grund seines Bestehens ist. Also zieht er sich immer weiter zurück, geht nicht mehr wählen, beteiligt sich nicht an staatlichen Prozessen etc. Stattdessen konzentriert er sich der Neigung gemäß auf einzelne spezielle Gebiete des Wissens (Austrian School, Philosophie, Journalismus, Auswanderung usw.) und lernt eine Sprache, die sich vom politischen, sklavischen Denken löst.

Aber er ist dann praktisch von seinem Ziel der Freiheit immer noch genauso weit entfernt, wie am Anfang. Er vermag lediglich die Aussichtslosigkeit zu beurteilen, dass sich das System nicht stufenweise zurückführen lässt. Er weiß auch, dass es einmal kollabieren muss, aber was danach kommt, ist keine Freiheit, sondern ein Nachfolgestaat, der vom selben Plebs getragen wird wie der alte. Was ist also zu tun, um das Dilemma zu beenden? Viele glauben, sie müssten die Menschen ändern, verstehen aber nicht, dass diese Menschen lediglich den Anreizen der Welt-wie-sie-ist folgen. Daher wäre es leichter die Menschen zu ändern, indem man erst die Welt-wie-sie-ist ändert, um die Menschen zu ändern. Aber wer kann schon die ganze Welt, wie sie ist, ändern? Da dies nicht möglich ist, kann man nur an einem kleinen Punkt der realen Welt, über den man tatsächlich verfügen kann, ansetzen. Mit dieser inneren Ausweglosigkeit hat selbst der sog. "Anarchokapitalist" zu kämpfen. Um zu mehr als nur einem mentalen Anarchokapitalisten zu werden, verlangt es weitere wichtige Erkenntnisse über die Strategie der Freiheit gegen den Aggressor Staat, die in der Psychologie, der Geschichte der Aufklärung und Entwicklung und auch der Anwendung der Logik und Praxeologie verwurzelt sind. Dies alles nur um zu verstehen, warum die Dinge sind, wie sie sind. So erklärt sich, dass ein fertiger Anarchokapitalist ein ausgesprochener Experte sein muss, mit einem beträchtlichem Wissen, dass er sich nur über viele Jahre einigermaßen aneignen kann - einer akademischen Berufsausbildung nicht minder. Es muss klar sein, dass dies die Umstände sind, unter denen wir hier über Strategien gegen den Staat diskutieren.

Ludwig von Mises (Liberalismus, S. 93.) sieht ein liberales Ziel in "einer vollständigen Kooperation der ganzen Menschheit, die sich friedlich und ohne Reibungen abwickelt." Walter Reese-Schäfer kommentiert dazu: "Dieses Denken ist kosmopolitisch, d.h. es haftet nicht an einer Gruppe, einem Dorf, einer Landschaft, einer Nation oder eines Erdteils - wie gegenwärtig noch die europäische Ideologie. Was das sogenannte Selbstbestimmungsrecht der Völker angeht, bestreitet von Mises als jemand mit einer genauen Kenntnis der Situation im Gebiet der einstigen Habsburger Monarchie, dass es von Gruppen oder ganzen Nationen sinnvoll wahrgenommen werden könnte. Die Bewohner bestimmter Gebiete, die dazu groß genug wären, müssten darüber entscheiden können, einen selbstständigen Verwaltungsbezirk zu bilden" (Politische Theorie der Gegenwart in fünfzehn Modellen, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2005, S.30). Mises (S. 97): "Wenn es irgend möglich wäre, jedem einzelnen Menschen dieses Selbstbestimmungsrecht einzuräumen, müsste es geschehen."

Wir sind auf jeden Fall so weit zu sagen, dass nur dieser Weg eines Austritts in eine eigene Ordnung sinnvoll die Strukturen schaffen kann, die für ein freies Leben erforderlich sind. Dabei legen wir uns nicht fest wie es zu geschehen hat, z.B. ob dies territorial geschehen muss usw., solange das Konzept in sich stimmig ist. Niemand sagt, dass dieser Weg einfach wäre. Er ist aber wesentlich einfacher als in Summe an Arbeit alle radikalen Liberalen aufbringen. Es scheint nicht möglich, alle Anarcho-Liberalen von einem bestimmten Weg zu überzeugen. Das ist aber auch nicht nötig. Es reicht, wenn eine verhältnismäßig kleine Gruppe, eine Organisation schafft, die die rechtlichen und finanziellen Voraussetzungen bereitstellt, um eine Sezession in die Wege zu leiten, also eine Zone in der die Verfügungsgewalt über die Handlungen der Teilnehmer und Teilhaber nicht vom Staat ausgeht oder maßgeblich moralisch korrumpiert werden kann. Das ist die Aufgabe, die sich stellt.


Weiter zu: Die Ausgangslage für den Anarchokapitalismus und Sezession

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