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Fragen zu "Praxeologie für Ordnung und Sezession" (I)

By Norbert Lennartz on Apr 06, 2014. Comments (0)


Hier antworte ich auf Reaktionen zum Buch Praxeologie für Ordnung und Sezession
Die absolute und aprioristische Eigentumstheorie vieler Libertärer kam mir schon länger seltsam vor. Was sollte man z. B. in einer Privatrechtsgesellschaft mit jemand machen, der verstreut überall winzige Grundstücke kauft, nicht um sie selbst sinnvoll zu nutzen, sondern nur um möglichst viel Geld rauszuschlagen, wenn für irgendein Großprojekt eine zusammenhängende Fläche benötigt wird?

Mit Ihrem Buch betonen Sie, dass die Justiz selbst der Praxeologie unterliegt. Vielleicht interessiert Sie dieser Artikel von Kris Borer: https://mises.org/document/6036/Cause-No-Conflict
Er begründet, dass Eigentum in Bezug auf Handlungen zu verstehen ist (z. B. Schaukeln an einem Ast oder Klettern auf einen Baum), und nicht das Recht, andere von einem physikalischen Gegenstand auszuschließen im Vordergrund steht. (Um einen Baum fällen zu dürfen, braucht man allerdings das exklusive Recht an dem Baum.)

Ich versuche ja klar zu machen, dass man mit Wörten vorsichtig sein muss. Es ist eine uralte Binsenweisheit, dass man aus einer Erscheinung keine Regel ableiten kann (Sein-Sollen-Dichotomie). In dem Fall ist "Recht" und "Eigentum" bloß eine Vorstellung wie etwas sein sollte, um es damit irgendwie zu lösen. Das führt immer zu einem Positivismus, den man mit Gewalt durchsetzen müsste. Der Artikel von Kris Borer erkennt auch an, dass Eigentum mit Handlung zu tun hat, aber nicht, dass Eigentum eine Erscheinung (Idee) ist, die sich anschließend aus den Handlungen ergibt, wenn man das Ergebnis so bezeichnen will.

Einfacher und logisch korrekt ist es zu sagen, dass jeder alles tun darf, solange er sich nicht in einen Selbstwiderspruch begibt. Der Widerspruch als solcher ist bereits in der Logik eine Allzweckwaffe. Es gibt keinen Grund, warum das hier anders sein sollte, wenn wir es logisch betrachten. Und deshalb funktionieren die normativen Angelegenheiten alle über den performativen Widerspruch. (Darauf hat mich der Artikel von Steven Yates gebracht.)

Wenn wir jetzt das Beispiel mit dem Grundstücksankauf nehmen, hängt es davon ab, ob die Gesellschaft mit solchen Leuten kooperieren will oder nicht. Wenn nicht, dann können die den ganz einfach unterdrücken und Gewalt anwenden. Betrachten die es hingegen als eine legitime Handlung, dann dürften sie es schwer haben, es zu verhindern, weil sie mit gerichtlichen Mitteln, also mit einer objektiv wahren Überzeugung, nicht dagegen argumentieren.

Damit eine Sezession gelingt, sollten die Sezessionisten, meiner Ansicht nach, die öffentliche Meinung im gesamten Land für sich gewinnen. Warum sollte Restdeutschland sich nicht darüber freuen, wenn es die verrückten Schwaben endlich los wird, die sich noch nicht einmal dann wirklich für einen neuen Hauptbahnhof begeistern können, wenn sie dafür Geld aus Berlin bekommen …

Gibt es außer Singapur noch mehr Fälle, wo ein Bundesland oder eine Provinz gegangen wurde?

Wenn sich BaWü von der BRD trennt, dann ist das Separatismus. Es ist klar, dass das so ein Vorgang von der öffentlichen Meinung abhängig ist. Mir schweben Sezessionen im sehr viel kleineren Format vor. So ein gerade neues Separationsgebiet kann da eine gute Gelegenheit sein, weil die Separatisten ja schlecht sagen können, "was wir gerade gemacht haben, dürft ihr nicht machen". Außerdem ist die Verwaltung anfangs wahrscheinlich noch nicht besonders effektiv. Wenn man jetzt berücksichtigt, dass z.B. die EU sich selbst zerstört, dann könnten überall Separationen entstehen (Katalonien, Schottland, Flandern, Südtirol, Venetien usw.), also Gebiete, die anfällig für individuelle Sezessionen sind.

Vorwort zu "Praxeologie für Ordnung und Sezession"

By Norbert Lennartz on Mar 21, 2014. Comments (0)

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Vorwort

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Norbert Lennartz:
Praxeologie für Ordnung und Sezession
H.W. Holzinger, 2014

Dieses spezielle Buch wendet sich an Fortgeschrittene, die die Österreichische Schule und die Philosophie des sogenannten Anarchokapitalismus in ihren wesentlichen Zügen kennen.

Es gliedert sich in drei Teile.

1. Teil: Das korrekte Verstehen

2. Teil: Praxeologie der normativen Ordnung

3. Teil: Grundlagen der Sezession

Die ersten beiden Teile lassen sich schwer voneinander trennen. Mein Bemühen im zweiten Teil zielt dahin, offensichtliche Lücken in dieser Lehre zu schließen. Nun wäre meine Aufgabe hier gar überflüssig, wenn die Gelehrten dieser Literatur sich stets selbst an das von ihnen vertretene Denksystem der Praxeologie und der damit notwendigen Epistemologie halten würden. Jedoch ist nicht selten ein schwieriges Missverhältnis um Grundsätze unverkennbar, welches darin begründet zu sein scheint, dass bestimmte erkenntnistheoretische und praxeologische Fakten vernachlässigt werden, vielleicht auch, weil zwar die Helden wie Mises und Rothbard überall als Kult gefeiert, aber Mises' Denkweise nicht wirklich verinnerlicht wurde. Dies wird insbesondere daran deutlich, dass man zu bestimmten problematischen Aspekten der rechtschaffenen Eigentumsbildung schweigt.

Wie könnte zum Beispiel in der staatenlosen Gesellschaft ein Naturschutzgebiet entstehen, wenn die Beteiligten der Eigentumstheorie eines John Locke anhängen? Müsste man dementsprechend ein Gebiet vorher aufkaufen oder etwa bearbeiten? Diese Handlungen würden bereits im Widerspruch zu einem sogenannten Naturschutzgebiet stehen. Spezieller müsste gefragt werden dürfen, wer oder was diesen Arbeitsbegriff überhaupt bestimmt. Und wenn dies tatsächlich geschähe, wäre das nicht eine positivistische Festlegung, die man auf dem Gebiet der Ideologie- und Staatskritik seit je her energisch zurückgewiesen hat? Und wie geschähe dann überhaupt eine möglicherweise notwendige Rationierung wichtiger natürlicher Ressourcen wie etwa von Grundwasser? Sollte sich jeder daran im ökonomischen Exzess bedienen dürfen?

All die damit verbundenen praxeologischen Fragen können offensichtlich so nicht gelöst werden. Und trotzdem scheinen sich manche Anhänger dieser Interpretation ihrer Sache viel zu sicher. Darüber hinaus ist schon seit Bemerkungen von z.B. Nozick und Tannehill (die »Arbeit« als subjektiv beschreiben) das Argument bekannt, dass das Lockeanische Eigentums-Konzept – allein durch Arbeit durch eine erste Inbesitznahme freier Ressourcen legalen Besitz zu schaffen – philosophisch und praxeologisch unzureichend sein muss. Und trotzdem hat die Österreichische Schule seit Murray Rothbard es nicht geschafft (nicht einmal versucht) diese wichtige theoretische Angelegenheit tatsächlich innerhalb der Praxeologie konsistent und einsichtig zu klären – wie später freilich noch im Detail zu erläutern ist.

Aber da das eigentliche Problem tiefer liegt, nämlich das korrekte Verständnis der Praxeologie in der Geschichte der Philosophie lange Zeit stecken geblieben ist, scheint der erkenntnistheoretische Irrtum bereits traditionell verwurzelt zu sein. Denn das Verständnis im Begriff des Handelns blieb – historisch betrachtet – in den Kinderschuhen der Rationalisten1 stecken. Und so hat die Praxeologie mit oder ohne ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen erst durch Ludwig von Mises einen Durchbruch erfahren. Stattdessen hat John Locke das neuzeitliche Denken für »Eigentum« bis heute geprägt, aber offensichtlich aus politischen Gründen – nicht aus philosophisch praxeolgischer Erkenntnis. Durch Lockes Theorie des Eigentums und der Erstaneignung mittels Arbeit war es erstmals möglich geworden, die bis dahin unangefochtene, sogenannte Okkupationstheorie des Eigentums zu Ungunsten der Feudalherren philosophisch populär begründet zurückzuweisen. Auch das Naturrecht und die Aufklärung – zwei Begriffe, die sich dem politischen Einfluss nicht entziehen – wurden offensichtlich dadurch zu einer ansehnlichen Blüte angetrieben.

Die geistigen Anstrengungen für jeden, der die reine Philosophie verstehen und sich das theoretische Rüstzeug verschaffen will, müssen demnach innerhalb der Erkenntnistheorie begonnen werden. Das Kapitel über die Grundlagen der Epistemologie beschreibt das aus Selbstreflexion abgeleitete System, in dem wir uns offensichtlich befinden und denken. Man kann es nicht ableugnen, ansonsten würden wir unsere eigene Existenz ableugnen. Nur in dieser Weise sind wir in der Lage etwas zu erfassen und es dann gedanklich weiter zu verarbeiten. Nur innerhalb dieser Reflexion ergeben alle weiteren Gedanken und Theorien überhaupt einen Sinn, wenn sie real und konsistent sein und über den Status einer anspruchslosen Pragmatik hinausreichen sollen.

Von diesem Grundsatz haben sich dagegen vor allem die Intellektuellen weit entfernt, die meist von politischen Auftraggebern abhängig sind. Die Tatsache, dass die Menschen nach Unterhaltung einerseits und bezahlter Anerkennung in ihrem Wirkungskreis andererseits streben, führt im wissenschaftlichen Bereich dazu, dass sich die Universitäts-Bibliotheken mit nutzlosen Regalmetern füllen. Das macht es nicht leicht, überhaupt etwas gegen das Dickicht der herrschenden Verwirrung und Arroganz auszusetzen.

Und dennoch existieren die meisten und wichtigsten logischen Bausteine für dieses Buch bereits in der Literatur. Um nicht das Rad abermals neu zu erfinden, beziehe ich mich natürlich darauf. In diesem Sinne beziehe ich mich insbesondere auf den vorderen Teil von Human Action, in dem Mises die Grundlagen der Praxeologie erklärt. Es ist eigentlich eine wichtige Voraussetzung diesen Abschnitt gut zu kennen,2 bevor Sie dieses Buch lesen. Der wichtige normative Part, der bei Mises fehlt, wird ergänzt.

Wer einmal die Grundlagen der Epistemologie aus praxeologischer Sicht verstanden hat, wird sehen, dass die gesamte Theorie des Handelns, auf die wir uns durch Selbstreflexion beziehen müssen, eine allumfassende konsistente Theorie ergeben muss.

Einige zuvor angedeutete, fehlerhafte Kleinigkeiten in der Sozialtheorie entfalten selbst innerhalb der Österreichischen Schule eine große Wirkung, werden vehement vertreten, sind aber tatsächlich nicht konsistent mit der Theorie des Handelns, die schließlich alle Sozialwissenschaften umfassen soll. Diese grundlegenden Mängel müssen unbedingt korrigiert werden wie ich das im Kapitel über normatives Handeln festgehalten habe.

Dieser Stoff ist zugegeben an vielen Stellen keine leichte Lesekost aus dem einfachen Grund, weil es viele logische Zusammenhänge darstellt, die in allen Details sorgsam nachvollzogen werden müssen.

Doch die grundlegenden praxeologischen Kapitel, lohnen sich, dass man sie genau versteht. Ich bin sogar überzeugt, dass in der libertär-wissenschaftlichen Szene niemand mehr daran vorbeikommen wird.

Die Praxeologie – epistemologisch vergleichbar elementar wie Logik und Mathematik – baut sich naturgemäß aus den eindeutigen und scharfen Begriffen des Handelns auf.

Jede Vereinbarung und jedes bewusste Verhalten gemäß den selbst gesetzten Regeln unterliegt genauso dem Begriff des menschlichen Handelns wie jedes andere in der Ökonomie beschriebene bewusste Verhalten. Es ist daher eine logische Schlussfolgerung, dass die normativen Maßnahmen des Menschen in der von ihm gewählten Ordnung unter dem selben Begriff des Handelns zu betrachten sind.

Eine logische Erweiterung bzw. Korrektur von Mises' Human Action ist angemessen denn Mises hat die Justiz nicht als Mittel des Handelns eingeordnet. Es soll verdeutlicht werden, dass es sich dabei um einen folgenreichen Irrtum handelt. Mit anderen Worten: Der Justiz kann ihr Platz praxeologisch eindeutig im Handeln zugewiesen werden. Damit werden auch alle dezidierten Eigentums- und Naturrechtstheorien und der sich auf einen Rechtsstaat beziehende Liberalismus hinfällig, weil die Frage der Gerechtigkeit epistemologisch bereits im Handeln gefasst werden muss.

Warum die sogenannten minimal-staatlichen Ansätze wissenschaftlich zurückzuweisen sind, muss in diesem Werk nicht noch einmal begründet werden. Fast, wenn nicht jedes ideologie-kritische Detail ist von Anarchokapitalisten zur Genüge behandelt worden. Jeder Stein des Zweifels ist in der Theorie mindestens mehrmals herumgedreht worden3, um am Ende ein ganz klares Credo für das Fundament des Anarchokapitalismus zu verkünden4. Etwas weniger energisch, aber ebenso eindeutig, fällt das wissenschaftliche Urteil über die Strategien zu Gunsten der individuellen Sezession.

Wie aus all den Argumenten hervorgeht, könnte der konsequente Weg zur Erreichung einer Privatrechtsgesellschaft aus einem Staat, der sein Gewaltmonopol nicht aufgeben muss, nur über den Weg einer Sezession erfolgen.

Im letzten, strategischen Abschnitt habe ich nicht nur die soziale Bedeutung der individuellen Sezession beschrieben, sondern auch den Begriff der Sezession als solchen analysiert, um systematisch herauszuarbeiten, welche politischen Anforderungen er tatsächlich stellt. Auch dieser Abschnitt muss praxeologisch sein und darf nicht so positiv formuliert werden wie einige Politikwissenschaftler es versuchen, dass sie ein Sezessionsrecht begründen, dass der Staat respektieren muss oder gar gewähren soll. Daraus könnte im Gegensatz niemals ein praktisches Konzept entwickelt werden.

Norbert Lennartz, August 2013.


1 Wenn man die zum Beispiel die Schule um Hermann Heinrich Gossen im ökonomischen Zusammenhang mit Menger diskutiert, dann gibt es auch begriffliche Überschneidungen zum ethischen Teil der Praxeologie in Epikurs Ethik, im Naturrecht der Stoiker, den Thomisten und den spanischen Scholastikern.

2 Oder alternativ das Standardwerk von Rothbard Man, Economy and State oder die Praxgirl-Videos im Internet.

3 Vergleiche Richard A. Garner. Minarchy Considered. Libertarian Papers 1.37 (2009).

4 Vergleiche Jesús Huerta de Soto: »Classical Liberalism versus Anarchocapitalism«, in Property, Freedom, and Society: Essays in Honor of Hans-Hermann Hoppe von Jörg Guido Hülsmann und Stephan Kinsella (eds), Ludwig von Mises Institute, 2009. <mises.org/daily/3791>. (Deutsche Übersetzung auf apriorist.de).

Bemerkungen zu Knappheit

By Norbert Lennartz on Jan 15, 2014. Comments (0)


Einige Theoretiker strapazieren den Begriff der Knappheit.

Z.B. Hans-Hermann Hoppe: "Ein Konflikt ist erst dann moeglich, wenn Gueter knapp sind, und erst dann wird es zum Problem, Regeln zu finden, die ein geordnetes – konfliktfreies – Zusammenleben ermöglichen."

Zunächst kann man Knappheit unterschiedlich verstehen.
1. Dinge, die in großer Menge vorhanden sind, erscheinen uns nicht knapp. Dieser Gedanke ist zunächst vollkommen abstrakt.
2. Dinge werden knapp, wenn sie in gewisser Form begehrt werden, so dass die letzte Einheit davon ökonomisch interessant wird. Bezeichnender Weise ist das eine prinzipielle Definition für das Fachgebiet der Wirtschaftswissenschaft. Ökonomen interessieren sich für die Gesetze knapper Güter.

Die zweite Konnotation ist nun relevant, denn es ist praxeologisch unerheblich wie wir die Mengen an Gütern abstrakt beschreiben. Güter werden erst durch Handlung knapp. Nämlich dann, wenn eine Person weniger über die erwünschten Dinge verfügen kann wie sie eigentlich möchte. Dies kann daran liegen, dass an Ort und Zeit per se zu wenig davon da sind. Es kann aber auch daran liegen, dass gleiche Güter von verschiedenen Personen begehrt werden und sie somit im Wettbewerb/Konflikt der Akquisition um diese Güter geraten, während andere Dinge (obwohl sie nicht in großer Menge vorhanden sind) von diesem Wettbewerb überhaupt nicht betroffen sind.

Wir wissen also nicht von vorn herein welche Güter im praxeologischen Sinne "knapp" sind. Das kann nur das Handeln von Personen entscheiden. Und die Personen entscheiden dabei auch, was die genaue Definition bzw. der Umfang der "Güter" ist. Es muss also keineswegs so sein, dass 2 konfliktierende Parteien von vorn herein um die selbe Sache, die sie begehren, streiten. Es kann auch sein, dass sie für sich ein Gut sehr großzügig abgegrenzt haben. Der Bauer hat z.B. einen Feldweg gezogen. Sollte er jetzt einen absoluten und exklusiven Anspruch auf den Feldweg besitzen oder sollte es anderen Menschen trotzdem erlaubt sein, ihren Hund dort spazieren zu führen, obwohl sie dem landwirtschaftlichen Betrieb überhaupt nicht im Wege stehen?

Die Regeln sollten also nicht allein aus der "Akquise" abgeleitet werden, denn die konfliktierende Sache könnte durch entsprechende Handlung weiter eingegrenzt oder bestimmt werden. Die Definition von Gütern bleibt dabei ggf. offen, weil wir es beim Handeln nicht immer besser wissen.

Der Konflikt oder der begrenzte Zugriff geht der Knappheit (im Sinne von 2.) voraus. Die Knappheit ist für die abstrakten ökonomischen Gesetze relevant, aber nicht für die rechtlichen Regeln zwischen den konfliktiernden Parteien. Die rechtlichen Regeln (oder besser "Normen") sind innerhalb des Begriffes der Handlung zu finden. Es ist unzulässig Normen über Güter zu setzen, nur weil man sie positiv für knapp hält. Im soziologischen Sinne ist die "Knappheit" ein Ausfluss der konkreten Handlung. Knappheit ist kein Axiom. Es ist daher irreführend so zu sprechen wie es einige Ökonomen tun.

Von der Logik zur Wissenschaft

By Norbert Lennartz on Apr 10, 2012. Comments (1)


Von dem Mathematiker Frederic B. Fitch kennt man folgende Grundweisheit: Jede allgemeine Aussage über die menschliche Erkenntnis u.ä. (Vernunft, Handeln, Erfahrung) ist immer eine Anwendung auf das Subjekt selbst, also (tautologisch) selbst-referentiell.1 Oder ganz einfach: Ich kann keine allgemeine Aussage über meine Erkenntnis machen, ohne dass ich eine mache. Ihre formale Gültigkeit lässt sich in einem Standardverfahren prüfen. Wenn ich z.B. die Aussage; „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ habe, dann ist sie wörtlich genommen bereits inkonsistent, denn ich muss sie schließlich auf sich selbst anwenden können und dies funktioniert nicht. Wenn man nichts weiß, dann weiß man auch das nicht. Es ist also eine Aussage, die selbst-referentiell inkonsistent ist, wie Fitch formuliert. Alles was ich auf diese inkonsistente These beziehe, ist dann notwendigerweise genauso inkonsistent und auch praktisch mehr oder weniger sinnlos.

Es ist also jede Theorie (tautologisch) selbst-referentiell, wenn sie eine gemeingültige These formuliert. Ihre These selbst muss dann an sich selbst gemessen werden können. Die Behauptung des Empirismus, dass alle wahre Erkenntnis nur von Sinneserfahrung ausgehe, ist inkonsistent mit der Theorie selbst, weil die empiristische Behauptung, die wahr sein soll, nicht durch Sinneserfahrung aufgenommen wird. Sie ist ein Gegenbeispiel von sich selbst (wie Hans-Hermann Hoppe es ausdrückt).

Wenn man nun dieses Muster der selbst-referentiellen Inkonsistenz auf verschiedenste Behauptungen anwendet, dann scheiden sich sehr viele Theorien schon allein deshalb im logischen Raster, weil sie das eigene logische System nicht in voller Weise akzeptieren. Ein erstes Schema, das sich hiermit an der Wurzel widerlegen lässt, ist der verbreitete Skeptizismus in all seinen Variationen. Skeptizismus führt sich auf eine übertriebene Ablehnung der Logik selbst zurück. Aber man kann schlechterdings nicht seine eigene Vernunft mit einer Theorie in Frage stellen, da dies wiederum zu einer selbst-referentiellen Inkonsistenz führen muss.

Des weiteren wird man feststellen können, dass bestimmte Prämissen denknotwendig sind, um überhaupt solche Aussagen treffen zu können. Die Logik ist ja bereits nichts anderes als eine solche Voraussetzung, um eine gültige logische Aussage treffen zu können, vorausgesetzt, dass die Logik selbst (das heißt bestimmte Grundsätze der Logik) allgemeingültig ist. Man spricht in der Philosophie auch von angeborenen Konzepten (bzw. innate concept thesis). Diese zu negieren würde in völliger Verwirrung ausarten. Descartes meinte: „Ich denke, also bin ich.“ Dieses bewusste Sein, ist dem Menschen ohne logische Grundsätze nicht vorstellbar. Dies ist letztlich alles, was man dem zufügen muss. (Wobei das Denken auf ein handelndes Wesen mit Fähigkeiten verweist, dass genauso Dinge wahrnimmt, fühlt, einen eigenen Antrieb und Bedürfnisse hat, Erfahrung sammelt, wertet, plant und Probleme löst.)

Neben der Logik sind die denknotwendigen Prämissen aber lange nicht erschöpft, um solche allgemeingültigen epistemologischen Theorien aufzustellen, da sie nicht im Wald von einem Einsiedel in seiner Höhle an die Wand gemeißelt werden, sondern in der Wissenschaft an andere Wissenschaftler kommuniziert werden, die um die Wahrheit bemüht sind bzw. in einer Gesellschaft kommuniziert werden, um andere Menschen von seinem allgemeinen Tun zu überzeugen.

Wir erinnern uns einmal mehr an Fitch, dass jede allgemeingültige Aussage selbst-referentiell ist. Mit jeder Zutat wächst lediglich dieses selbst-referentielle System und muss in sich konsistent bleiben. Die Zutaten oder Voraussetzungen sind zunächst: Eine Sprache, in der man die Theorie verständlich machen kann. Man muss argumentierend handeln, der Logik mächtig sein, eine Person sein, entscheidungsfähig sein, mit andern kommunizieren und kooperieren und anderes mehr. In diesem theoretischen Umfeld (von Theoremen auf verschiedenen Ebenen, wobei Ebenen höherer Ordnung, an tieferliegende Ebenen anknüpfen) sind am Ende mit einer Reihe denknotwendiger Prämissen umfangreiche selbst-referentielle Aussagen bzw. Systeme möglich, die – oh, staune! – immer noch konsistent sind.2 Das beweist nicht gerade ihre „letzte Gültigkeit“, aber sie bleiben in einem immer größer werdenden Meer aller Kritik immer noch konsistent wie das Kleine Einmal-eins und vor allem gibt es keine gültige Alternative dazu.

Es sind keine Konventionen, auf die man sich irgendwie zufällig geeinigt hätte, sondern Ergebnisse für die jede vorstellbare Alternative fehlt:

zu denken ohne zu handeln,

zu theoretisieren ohne zuargumentieren,

zu argumentieren ohne zu kooperieren,

zu kooperieren ohne zu respektieren,

Personen zu erkennen ohne sie zu identifizieren,

denken zu können ohne selbst Teil der realen Welt zu sein usw.

Für die Kritiker wird aber gerade die selbst-referentielle Beschaffenheit einer Theorie zur Schwäche, weil sie annehmen, dass einer in sich geschlossenen Theorie die Verbindung zur Außenwelt fehle. Also wie Milton Friedmans Vorwurf, eine Theorie stehe und falle mit ihren zugrunde liegenden Axiomen, man müsse an sie glauben. Freilich müsste man dann konsequenterweise diese skeptische Haltung auf die Mathematik und die Geometrie ausdehnen, etwa auf den Satz des Pythagoras. Doch hier wagt es niemand, Krieg gegen das Kleine Einmal-eins zu führen. Dies zeigt wie absurd solche Debatten sind. Das psychologistische Problem ist, dass manche Dinge nicht anhand der Sinneserfahrung getestet werden können. Es ist halt nicht möglich, z.B. die Mindestlohnarbeitslosigkeit in einer sozialisierten Gesellschaft zu testen, ohne nicht zu möglicherweise widersprüchlichen Ergebnissen zu kommen.

Nun mag man Probleme haben, die Ergebnisse der apriorischen Kenntnisse eines selbst-referentiellen Systems in der Empirie wiederzufinden oder zu überprüfen.

Doch wenn 2+2=4 in einem selbst-referentiellen System stimmig ist, dann stimmt das auch, wenn irgendwo „der Turm von Pisa schief steht“. Man kann dem System höchstens vorwerfen, keine Verbindung zur realen Welt zu haben – also dass die reale Welt doch nicht mit dem System arbeiten würde. Die Frage ist, ob das Zweifel über die Theorie werfen kann. Das Theorem z.B. der Mindestlohnarbeitslosigkeit bleibt auch dann wahr, wenn Gewerkschaften irgendwo andere Untersuchungen veröffentlichen. Es ist dann gerade das Problem der Zweifler, dass sie den „Vorhang hinter dem dem Vorhang“ nicht sehen - also schlicht nicht wissen wollen, wie man die Testbedingungen herstellen müsste, um das Theorem in der Empirie zu bestätigen. (In Wahrheit suchen die Gewerkschaften nur nach Selbstbestätigung in ihrem bereits manipulierten System, die sie dann auch bekommen.) Aus der Sicht der Empiristen und Skeptizisten, dürfte der Mensch nicht einmal Einfluss auf die Empirie nehmen können, da die Ergebnisse sind wie sie sind. Selbst das ist falsch! Es ist dem Menschen sogar möglich durch sein Handeln Einfluss auf die Empirie zu nehmen, also ein System herzustellen und auch nur dieses kann dann zum gegeben Zeitpunkt durch wissenschaftliche Versuchsmethoden getestet werden. Aber dafür muss man wissen, welches System vorliegt. Dass der Mensch handelt, bleibt unabstreitbar ohne zu handeln. Wenn es keine Alternative dazu gibt, dann ist es müßig, in der Empirie vermeintliche Fehler zu suchen, wenn die Ergebnisse der Überprüfung der Empirie durch „Testen“ per se anders interpretierbar sind. Zusätzlich wirft der unbestreitbare Einfluss des Handelns auf die reale Welt noch einen weiteren Aspekt auf die Frage nach den Erkenntnisquellen auf, der gerade den Empirismus berührt, denn dieses Handeln wird für den Empiristen selbst zur Quelle der möglichen sinnlichen Wahrnehmung der realen Welt; und ein Stück weit mag der Empirist die Welt so (unbewusst und mit Gewalt) ändern mögen, so dass er das wahrzunehmen vermag, was er sich dort vorgestellt hat, obwohl er dann die größten Rätsel nicht mehr lösen kann.3 Aber für die Frage der Erkenntnistheorie kann nicht weiter die Bedeutung des Handelns des Menschen verleugnet werden. Jede Erkenntnistheorie, jede wissenschaftliche Methodik, die die Realität betrachtet und dort Ideen sucht, muss anerkennen, dass sie von handelnden Menschen beeinflusst werden kann, d.h. dass es ein maßgeblicher rückwirkender Faktor der Erkenntnisgewinnung ist.

Aber schauen wir uns einen Moment lang die Wissenschaftsgeschichte an. Wie funktioniert es eigentlich, dass Inhalte der Arbeit der Wissenschaftler angenommen werden? Die Frage beantwortet sich schon selbst, denn es müssen Menschen überzeugt werden. Menschen müssen ihr Handeln an dem ausrichten, was man ihnen mitteilt. Das ist das wirksame Ergebnis der Wissenschaft. Und nun gibt es immer verschiedene Gruppen (auch isolierte Einzelkämpfer) in den Wissenschaften. Nehmen wir an, ein Wissenschaftler erkennt den Irrtum einer großen Gruppe, die sich einen Namen gemacht hat, genau mit dem Argument, dass sie eine nicht konsistente Theorie pflegen, die in sich nicht schlüssig sein kann, die also fehlerhaft sein muss, dann hat der isolierte Wissenschaftler, obwohl er eindeutig Recht hat, immer noch das Problem, dass seine Erkenntnis anerkannt werden müsste, um wirksam zu sein. Eigentlich sollte man ja erwarten dürfen, dass sich Wissenschaftler wenigstens nicht mit dem beschäftigen, dass eindeutig als falsch nachgewiesen wurde. Allerdings zeigt die Wissenschaftsgeschichte, dass dies bis heute nicht funktioniert. Thomas Samuel Kuhn hat in seinem bekannten Werk The Structure of Scientific Revolutions dargelegt, dass Wissenschaftsgemeinden ein bestimmtes Paradigma pflegen, dass unter ihnen als anerkannt gilt und nicht hinterfragt werden muss. So kommt es, dass diese teils mächtigen Gruppen ihre Paradigmen lange Zeit nicht ablegen, bis sie von anderen Tatsachen, also nicht von den isolierten Wissenschaftlern eingeholt werden. D.h. sie bilden auch Abwehrmechanismen wie Seilschaften von Leuten, die sich untereinander gut verstehen, über wichtige Peer Review Zeitschriften. Man denke beispielsweise an die Klimagate-Skandale, die eine Verschwörung von einzelnen Klimaforschern bekannt machte. So kann man in der Wissenschaftsgeschichte diverse Phasen von Gruppen erkennen, die in ihrer Zeit große Bedeutung hatten, die aber heute in Vergessenheit geraten sind wie etwa die Historische Schule um Gustav Schmoller oder den Keynesianismus, der darauf folgte. Noch deutlicher wird es in den heutigen Finanzwissenschaften und Rechtswissenschaften. Das sind Bereiche, in denen man sich völlig von bestimmten ethischen Geldtheorien oder der Philosophie gelöst hat. Es sind Wissenschaftsbereiche, die nichts anders tun, als die Bedürfnisse staatlicher Bereiche zu befriedigen, nur damit sie weiter betrieben werden können. Für die Art dieser Wissenschaft wurde bereits ein Begriff geprägt. Neben der normalen Wissenschaft, die jeder kennt, gibt es eine solche, die im der Politik verschmilzt, um im Glauben das Gute zu tun, wünschenswerte Ergebnisse zu liefern, z.B. für das „Waldsterben“ oder das „Aussterben der Eisbären“, die sich übrigens vermehren, seit dem sie weniger bejagdt werden. Das ist dann die „post-normale“ Wissenschaft, die sich – angetrieben durch politische Fördergelder – den Anstrich von Wissenschaftlichkeit verschafft.

Es geht in diesem Beitrag nur um die Frage wie eine normale Wissenschaft funktionieren sollte. Und hier kann man natürlich erwarten, dass man sich an bestimmten epistemologischen Werten orientiert, die zuverlässiges Wissen liefern. Dabei sollte man erwarten dürfen, dass man sich wenigstens nicht mit inkonsistenten Theorien beschäftigt wie der Empirismus vorschlägt oder von der sogenannten „Wissenschaftlichen Methode“ beherzigt werden. Alle diese Überlegungen führen im Ausschluss des Unmöglichen zur einzigen Form des wissenschaftlichen Denkens, die sich in der Geschichte allen Angriffen erwehren konnte, nämlich zu einer apriorischen Wissenschaft u.a. mit dem Gebiet des menschlichen Handelns wie sie Ludwig von Mises auf dem Gebiet der Ökonomie praktiziert hat. Das logische Rüstzeug ist aber keineswegs auf die Ökonomie beschränkt. Christopher Michael Langan, ein amerikanischer Autodidakt mit einem bemerkenswert ausgewiesenem IQ, eher physikalisch und spirituell interessiert, beschreibt die Grundlagen eines System, das dem von Mises offensichtlich völlig gleicht:

"How, then, can we ever form a true picture of reality? There may be a way. For example, we could begin with the premise that such a picture exists, if only as a “limit” of theorization (ignoring for now the matter of showing that such a limit exists). Then we could educe categorical relationships involving the logical properties of this limit to arrive at a description of reality in terms of reality itself. In other words, we could build a self-referential theory of reality whose variables represent reality itself, and whose relationships are logical tautologies. Then we could add an instructive twist. Since logic consists of the rules of thought, i.e. of mind, what we would really be doing is interpreting reality in a generic theory of mind based on logic. By definition, the result would be a cognitive-theoretic model of the universe."4

Logik und Rechtswissenschaften

Human Action ist wohl das bekannteste und umfangreichste Werk, das als eine mustergültige Umsetzung dieser Logik darstellt. Aber die Wissenschaft des Handelns, die Mises darin beschrieben hat, ist damit noch nicht umfassend verstanden worden. Ich möchte nämlich insbesondere darstellen, dass die Wissenschaft des Handelns auch auf die gesamte Rechtsbegründung erweitert werden kann und muss. Auch Rothbard und Hoppe waren bekanntermaßen dieser Meinung und haben hier neue Meilensteine gesetzt. Aber bevor ich diese Thematik beginne, ist es zunächst einmal notwendig, einige Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, die so weit verbreitet sind, dass auch Kant und Mises ihnen Zeit ihres Lebens unterlagen, bzw. wenn man sich enger damit befasst, haben sich selbst diese Vorreiter zu haarsträubenden logischen Fehlschlüssen verleiten lassen. Um dies zu erklären, darf man den Hintergrund des geschichtlichen Denkens und der Sprachentwicklung nicht außer acht lassen. Allein die Sprache ist ein wichtiges Werkzeug des Verstehens wie aus einem Langan-Zitat deutlich wird.5 Wie will man z.B. einen Gedanken widerlegen, der nur undeutlich ausgedrückt ist? Viele Begriffe sind durch Denkparadigmen verändert, verwaschen und umgedeutet worden, so dass wir heute in bestimmten Teilen unter „babylonischer“ Sprachverwirrung leiden.

Das Juristenjargon war der Grund für Immanuel Kant, um folgerichtig in seiner Metaphysik der Sitten (1797) zu fragen:6

Was ist Recht?
Diese Frage möchte wohl den Rechtsgelehrten, wenn er nicht in Tautologie verfallen, oder statt einer allgemeinen Auflösung auf das, was in irgend einem Lande die Gesetze zu irgend einer Zeit wollen, verweisen will, eben so in Verlegenheit setzen, als die berufene Aufforderung: Was ist Wahrheit? für den Logiker. Was Rechtens sei (quid sit iuris), d. i. was die Gesetze an einem gewissen Ort und zu einer gewissen Zeit sagen oder gesagt haben, kann er wohl angeben: aber ob das, was sie wollten, auch recht sei, und das allgemeine Kriterium, woran man überhaupt Recht sowohl als Unrecht (iustum et iniustum) erkennen könne, bleibt ihm wohl verborgen, wenn er nicht eine Zeit lang jene empirischen Principien verläßt, die Quellen jener Urtheile in der bloßen Vernunft sucht (wiewohl ihm dazu jene Gesetze vortrefflich zum Leitfaden dienen können), um zu einer möglichen positiven Gesetzgebung die Grundlage zu errichten. Eine bloß empirische Rechtslehre ist (wie der hölzerne Kopf in Phädrus’ Fabel) ein Kopf, der schön sein mag, nur Schade! daß er kein Gehirn hat.

Phädrus war ein römischer Fabeldichter. Kant bezieht sich bei ihm auf einen Fuchs, der zufällig auf eine tragische Theatermaske trifft und spricht: „Hui, welch grossartiger Anblick – und hat kein Hirn!“ Phädrus fügt hinzu: „Dies ist jenen gesagt, denen das Schicksal Ehre und Ruhm gegeben, aber den gesunden Menschenverstand geraubt hat.“

Nun machen Sie einmal selbst den Versuch und nehmen sich ein beliebiges Lexikon oder ein juristisches Fachbuch und suchen eine klare Rechtsdefinition und versuchen dann fiktiv jemandem auf der selben Basis wie die Juristen es nutzen, das Wort „Recht“ beizubringen. Sie werden feststellen müssen, dass der Begriff völlig unbestimmt ist und immer wieder irgend einem Zweck zu eigen gemacht wird.

Kant empfahl auch richtigerweise „sapere aude“, also Mut zu haben seinen Verstand zu benutzen. Doch was die Frage der Rechtsdurchsetzung angeht, war auch Kant nicht in der Lage die logische Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Apriorist Kant nahm sich einfach heraus, etwas als a priori anzunehmen, was nicht a priori ist.

Kants Irrtum ist, dass er es nicht offen lässt, wie vereinzelte Menschen mit dem Problem ihrer Sicherheit umgehen und einen Staat voraussetzt, der das im Sinne der Menschen letztlich nur mit utopischen Idealen leisten müsste:

„...sie [die Menschen] mögen auch so gutartig und rechtliebend gedacht werden, wie man will, so liegt es doch a priori in der Vernunftidee eines solchen (nicht rechtlichen Zustandes), dass,...vereinzelte Menschen, Völker und Staaten niemals vor Gewalttätigkeiten gegen einander sicher sein können, und zwar aus jedes seinem eigenen Recht, zu tun, was ihm recht und gut dünkt, und hierhin von der Meinung des anderen nicht abzuhängen... “

Auch Fichte war ein Vertreter des Vernunftrechts, der halb richtig lag.7 Und schließlich machte es ihnen Ludwig von Mises nach und erklärte den Staat als notwendiges Böses, als praxeologisches Mittel, wie viele seiner liberalen Vorgänger – ohne auch nur den geringsten logischen Anlass.8 Mises war der Meinung, dass die Praxeologie ein rein ökonomisches Anwendungsgebiet sei und sich nicht auf menschliche Ethik anwenden ließe. Dies verstößt gegen Mises' eigen entdeckten Grundsatz des Handelns, nämlich dem Grundsatz der Wahlfreiheit der Mittel des Handelns. Wer den Staat vorschreibt, der schreibt ihn andern unter Zwang als Mittel des Handelns vor und macht die Theorie logisch inkonsistent; selbst dann wenn der Staat tatsächlich notwendig wäre, um sich gegenseitig trauen zu können, wäre das eigentliche Mittel des Handelns, also das „Recht“ nicht geschaffen, denn wie wir gesehen haben, besteht es aus nichts weiter als dem Schein – eben wie eine tragische Theatermaske.

Das eigentliche Problem ist nun: Wie kann ich mir das Recht als Mittel des Handelns vorstellen? Es mag einem absurd vorkommen, ist es aber nicht, wie wir noch sehen werden, denn die Wahlfreiheit bedeutet nicht, dass ich mir das „Recht“ selbst mache, sondern dass ich wähle, ob ich mit anderen nach einer bestimmten Ordnung handele oder nicht, ob ich sie mir unterwerfe (wenn ich kann) oder ob ich mit ihnen kooperiere (wenn sie es wollen). Das ist die ganze erkenntnistheorethische Idee, die Kant und Mises einfach nicht hatten. Auch Rothbard hatte sie nicht. Er hatte nur die richtige Vorstellung, dass die Praxeologie die Ethik aufnehmen muss. Und auch Hoppe, der mit seiner Argumentationstheorie einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht hat, hatte sie noch nicht, da er alle normativen Fragen auf Knappheiten zurückführt. Die notwendig vorauszusetzende Handlungsfreiheit ist aber die, dass der Mensch alles andere als das betrachten kann, wofür er es nutzen will, auch Menschen, sei es als Bruder, Geschäftspartner, Liebespartner bzw. als Feind, Verbrecher, Sklave oder Schlachtvieh. Die damit verbundenen Konsequenzen wählt der Handelnde mit. Es ist aber entscheidend, dass wir diesen Vorgang gedanklich trennen, weil er ein Vorgang des Handelns ist. Es ist keine moralische Frage. Moral ist immer mit Wertung verbunden. Wir dürfen keine Wertung vornehmen, um konsistente Schlussfolgerungen zu ziehen. Dies sollte förmlich selbstverständlich sein. Da aber fast jeder Mensch so moralisch mutmaßt, ist es erklärbar, dass fast niemand diese simple Idee erfasst, die ich nun weiter entwickeln möchte, zunächst scheinbar auf der Basis eines kalten, erbarmungslosen Egoisten – nur der Logik folgend – etwas, das Juristen zu prüden Skeptizisten werden ließ, denn fortan, war für sie die Logik gescheitert und nicht etwa ihr falsches Recht.

Der Rechtspositivist Bernhard Windscheid meinte 1884 daher in seinem Standesdünkel sinngemäß, die Vernunft wäre „in der Wissenschaft als irrig erkannt“.9 Nicht minder tönte der erste Vertreter eines systematischen Rechtspositivismus, Jeremy Bentham, in 'Nonsense upon Stilts, or Pandora's Box Opened' (1795): „Natural rights is empty nonsense - natural and inprescriptible rights, rhetorical nonsense - nonsense upon stilts.“ Jeremy Waldron (Professor für Recht und Philosophie, 2005 emeritiert) hat den Ausdruck „nonsense upon stilts“ (Unsinn auf Stelzen) als Buchtitel aufgegriffen, um das Naturrecht zu verteidigen10 und er behandelt einen Teil der langen Geschichte, die unausweichlich ist, wenn inkonsistente Lehren aus politischen Gründen aufrechterhalten werden. Aurelius Augustinus (354-430) brachte es bereits mit weniger Worten auf den Punkt: „lex iniusta non est lex“ – unrechtes Recht ist kein Recht. Bei Kelsen gibt es einfach kein „lex iniusta“ mehr. Der bekannte Rechtspositivist Hans Kelsen schrieb ein Standardwerk namens „Reine Rechtslehre“ und bezieht sich in seiner „Lehre“ nur auf seine positive Doktrin. Der Titel „Reine Rechtslehre“ ist insofern genau das Gegenteil von dem, was drin steht; aber Studenten glauben es zunächst wörtlich nehmen zu dürfen, bis sie vielleicht nach vielen Jahren aufgeklärt werden. So einfach werde ich es mir bei meiner „Einführung in die normative Theorie“ natürlich nicht machen.


1 „If a theory is included in its own subject-matter, we say that is is a self-referential theory“ auf S. 222 in Frederic B. Fitch: „Self-Reference in Philosophy“ in: Bartlett, Steven J. (Hrsg.): Reflexivity. A Source-Book in Self-Reference. Amsterdam, London, New York, Tokyo: North-Holland, 1992): 221-230. Original: „Self-Reference in Philosophy“. Mind 55 (1946): 64-73. Wiedergedruckt in Anhang C von Fitch, Symbolic logic: an introduction. Ronald Press Co., 1952.

2 Ähnlich wie in der Mathematik, wo die Aussagen formalisiert und mit einer logischen Sprache übersetzt sind und damit zahlreichen logischen Prüfungen ausgesetzt werden kann. Dies lässt die Mathematik so aussehen, dass manche glauben, sie wäre das einzige unfehlbare System. Das ist natürlich falsch. Die Mathematik ist nicht deshalb unfehlbar, weil sie die Mathematik ist, sondern weil sie nur auf das logische System voraussetzt.

3 Man vergleiche dies mit dem was als wissenschaftliche Methode bekannt ist. Langan schreibt dazu: „Although scientists like to think that everything is open to scientific investigation, they have a rule that explicitly allows them to screen out certain facts. This rule is called the scientific method. Essentially, the scientific method says that every scientist’s job is to (1) observe something in the world, (2) invent a theory to fit the observations, (3) use the theory to make predictions, (4) experimentally or observationally test the predictions, (5) modify the theory in light of any new findings, and (6) repeat the cycle from step 3 onward. But while this method is very effective for gathering facts that match its underlying assumptions, it is worthless for gathering those that do not. …“ Anstatt dieses Ratens über das Wahre arbeitet die axiomatische Methode aufbauend: „In place of the scientific method, pure mathematics relies on a principle called the axiomatic method. The axiomatic method begins with a small number of self-evident statements called axioms and a few rules of inference through which new statements, called theorems, can be derived from existing statements. In a way parallel to the scientific method, the axiomatic method says that every mathematician’s job is to (1) conceptualize a class of mathematical objects; (2) isolate its basic elements, its most general and self-evident principles, and the rules by which its truths can be derived from those principles; (3) use those principles and rules to derive theorems, define new objects, and formulate new propositions about the extended set of theorems and objects; (4) prove or disprove those propositions; (5) where the proposition is true, make it a theorem and add it to the theory; and (6) repeat from step 3 onwards.“

5 "How is this to be done? In a word, with language. This does not mean merely that language should be used as a tool to analyze reality, for this has already been done countless times with varying degrees of success. Nor does it mean that reality should be regarded as a machine language running in some kind of vast computer. It means using language as a mathematical paradigm unto itself. Of all mathematical structures, language is the most general, powerful and necessary. Not only is every formal or working theory of science and mathematics by definition a language, but science and mathematics in whole and in sum are languages. Everything that can be described or conceived, including every structure or process or law, is isomorphic to a description or definition and therefore qualifies as a language, and every sentient creature constantly affirms the linguistic structure of nature by exploiting syntactic isomorphism to perceive, conceptualize and refer to it. Even cognition and perception are languages based on what Kant might have called “phenomenal syntax”. With logic and mathematics counted among its most fundamental syntactic ingredients, language defines the very structure of information. This is more than an empirical truth; it is a rational and scientific necessity.“ Christopher Michael Langan. Cognitive-Theoretic Model of the Universe. The Theory of Theories, 2001. Mehr dazu siehe <megafoundation.org>.

6 Immanuel Kant, Metaphysik der Sitten, Erster Teil: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre, Einleitung, § B

7 „Man hat auch gesprochen von einem Naturrechte; es entgegensetzend dem durch faktische Übereinkunft, Vertrag, oder auch durch willkürliche Gewalt des Gesetzgebers festgesetzten Rechte, oder dem geschriebenen Gesetze: haec lex nata, non scripta. Es ist darin eine Fülle von Irrtümern. 1) Naturrecht, d.i. Vernunftrecht, und so sollte es heißen. Aber alles Recht gründet sich auf einen Begriff a priori, einen Gedanken, schlechthin; es ist ein intelligibles; das Wissen selbst ist Grund, und lex nata waren angeborene Ideen. 2) Ist auch die Unterscheidung falsch, als gründe sich Einiges darauf, Einiges auf Übereinkunft. - Worauf gründet sich denn die Übereinkunft selbst? Das vertragene und geschriebene Recht ist niemals Recht, wenn es sich nicht auf Vernunft gründet. Alles Recht ist reines Vernunftrecht. 3) Man versteht auch wohl Natur noch anders, indem man sagt, das natürliche Gefühl leite bis zu einem gewissen Beisammenstehen, dieses aber halte in gewissen Zeiten nicht mehr vor; da trete denn der künstliche Staat ein, und sein Recht. Ist wahr, und hat sich gezeigt im alten Germanien. Hobbes widerspricht auch dem natürlichen Gefühl, behauptend bellum omnium contra omnes; und nur durch Gewalt und Zwang komme es zu einem gegenseitigen Rechte. Auch dies hat sich so gemacht. Man sehe nur die Südsee-Insulaner. Aber was wollen sie denn damit sagen? Was geht denn dieses Ganze den Begriff an und die wissenschaftliche Untersuchung? Dies ist eben die oben liegen gelassene historische Nebenfrage. Wir dagegen haben es zu tun mit einer scharfen Analyse des Begriffs. In dieser zeigt sich nun: durch die bloße Natur, im obigen Sinne, ohne Kunst und freien Willen, ohne Vertrag, kommt nie ein rechtlicher Zustand herbei. Das Rechtsgesetz sagt aus, dass der Vertrag geschlossen werden solle, und nur, wo dieser Vertrag Statt findet, ist seine Form realisiert. Ein Naturrecht, in dem Sinne eines rechtlichen Zustandes außer dem Staate, gibt es nicht. Alles Recht ist Staatsrecht. Auch diesen Punkt über allen Zweifel erhoben zu haben, ist ein Eigentümliches unserer Bearbeitung.“ http://www.textlog.de/9422.html

8 „However, in order to preserve peace, it is, as human beings are, indispensable to be ready to repel by violence any aggression, be it on the part of domestic gangsters or on the part of external foes. Thus, peaceful human cooperation, the prerequisite of prosperity and civilization, cannot exist without a social apparatus of coercion and compulsion, i.e., without a government. The evils of violence, robbery, and murder can be prevented only by an institution that itself, whenever needed, resorts to the very methods of acting for the prevention of which it is established. There emerges a distinction between illegal employment of violence and the legitimate recourse to it. In cognizance of this fact some people have called government an evil, although admitting that it is a necessary evil. However, what is required to attain an end sought and considered as beneficial is not an evil in the moral connotation of this term, but a means, the price to be paid for it. Yet the fact remains that actions that are deemed highly objectionable and criminal when perpetrated by "unauthorized" individuals are approved when committed by the "authorities."

Government as such is not only not an evil, but the most necessary and beneficial institution, as without it no lasting social cooperation and no civilization could be developed and preserved. It is a means to cope with an inherent imperfection of many, perhaps of the majority of all people. If all men were able to realize that the alternative to peaceful social cooperation is the renunciation of all that distinguishes Homo sapiens from the beasts of prey, and if all had the moral strength always to act accordingly, there would not be any need for the establishment of a social apparatus of coercion and oppression. Not the state is an evil, but the shortcomings of the human mind and character that imperatively require the operation of a police power. Government and state can never be perfect because they owe their raison d'être to the imperfection of man and can attain their end, the elimination of man's innate impulse to violence, only by recourse to violence, the very thing they are called upon to prevent.

...

A shallow-minded school of social philosophers, the anarchists, chose to ignore the matter by suggesting a stateless organization of mankind. They simply passed over the fact that men are not angels. They were too dull to realize that in the short run an individual or a group of individuals can certainly further their own interests at the expense of their own and all other peoples' long-run interests. A society that is not prepared to thwart the attacks of such asocial and short-sighted aggressors is helpless and at the mercy of its least intelligent and most brutal members. While Plato founded his utopia on the hope that a small group of perfectly wise and morally impeccable philosophers will be available for the supreme conduct of affairs, anarchists implied that all men without any exception will be endowed with perfect wisdom and moral impeccability. They failed to conceive that no system of social cooperation can remove the dilemma between a man's or a group's interests in the short run and those in the long run.“

Mises in The Ultimate Foundation of Economic Science Chp 5. On Some Popular Errors Concerning the Scope and Method of Economics 10. The Concept of a Perfect System of Government (p 97-99)

9 Der Text zu Windscheids Antrittsrede als Dekan: „Es ist ein alter nie ausgeträumter Traum der Menschheit, dass es ein einiges, festes umwandelbares Recht gebe. Dieses Recht sei das Recht der Vernunft. Was der Vernunft entspreche, sei eben deswegen Recht, notwendig, für alle Zeiten, an allen Orten. Diese Vorstellung drängt sich nicht bloß dem Laien auf; es ist bekannt in welchem Masse sie auch die Wissenschaft beherrscht hat. Jetzt ist sie in der Wissenschaft als irrig erkannt“ in 'Die Aufgaben der Rechtswissenschaft' (abgedruckt in: Paul Oertmann (Hrsg.), „Bernhard Windscheid, Gesammelte Reden und Abhandlungen“, Leibzig: Dunker&Humbolt, S.105).

10 Siehe Jeremy Waldron (Ed.), 'Nonsense Upon Stilts: Bentham, Burke and Marx on the Rights of Man', Methuen, 1988, 2009 von Taylor & Francis neu aufgelegt.

Recht und seine Unbestimmtheit

By Norbert Lennartz on Aug 01, 2011. Comments (1)


Viele Leute sind sich über den Definitionsmangel von „Recht“ nicht im Klaren. Sie verwenden das Wort zu allen Gelegenheiten und wundern sich darüber, wenn man von ihnen verlangt, sich klarer auszudrücken. Der Hinweis, dass selbst in keinem Fachbuch eine konkrete Definition von „Recht“ zu finden ist, überrascht sie und macht sie nur wenig stutzig, weil der Glaube an einer Institution des „Rechts“ für sie gesellschaftlich elementar erscheint. Wie kann „Recht“ dann so sinnfrei sein wie andere soziale Worthülsen?

Aber dies ist kein Zufall, sondern eine Notwendigkeit für den Rechtspositivismus. Nur durch diese Beliebigkeit kann ein System, das Regeln erzwingt, eine politische Zustimmung oder Duldung erfahren, die sich auf den politischen Teil bezieht, während der formale Teil als „Recht“ nicht mehr hinterfragt werden kann. Dies macht den Rechtsstaat sogar zu einem wesentlichen Propagandawerkzeug mit dem die schäbigsten politischen Absichten in eine geachtete „ethische“ Institution eingekleidet werden können.

Mit einem Begriff von „Recht“, der tatsächlich verbindlich definiert wäre, wäre ein Rechtsstaat wahrscheinlich nicht aufrecht zu erhalten.

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