Blog


Der Ausweg und die Aufgabe

By Norbert Lennartz on Apr 14, 2012. Comments (4)


Wenn Menschen den allgemeinen Geschmack von Freiheit schätzen lernen, dann machen sie verschiedene Stufen durch. Auf der ersten Ebene wissen sie noch nicht viel außer dem, was um sie herum geschieht. Sie engagieren sich also in liberalen und libertären Gruppen mit ähnlichen Neigungen, die lediglich versuchen das System zu ändern, mit Parteien, Protestgruppen und ähnlichem. Erst später lernt der Libertäre allmählich hinzu, dass das System grundsätzlich nicht reformierbar ist, dass das politische Mittel nicht nach einer ablehnenden Meinung fragt, sondern nur dazu dient, das politische Mittel trotz der Widerstände zu exekutieren und dass dies der einzige Grund seines Bestehens ist. Also zieht er sich immer weiter zurück, geht nicht mehr wählen, beteiligt sich nicht an staatlichen Prozessen etc. Stattdessen konzentriert er sich der Neigung gemäß auf einzelne spezielle Gebiete des Wissens (Austrian School, Philosophie, Journalismus, Auswanderung usw.) und lernt eine Sprache, die sich vom politischen, sklavischen Denken löst.

Aber er ist dann praktisch von seinem Ziel der Freiheit immer noch genauso weit entfernt, wie am Anfang. Er vermag lediglich die Aussichtslosigkeit zu beurteilen, dass sich das System nicht stufenweise zurückführen lässt. Er weiß auch, dass es einmal kollabieren muss, aber was danach kommt, ist keine Freiheit, sondern ein Nachfolgestaat, der vom selben Plebs getragen wird wie der alte. Was ist also zu tun, um das Dilemma zu beenden? Viele glauben, sie müssten die Menschen ändern, verstehen aber nicht, dass diese Menschen lediglich den Anreizen der Welt-wie-sie-ist folgen. Daher wäre es leichter die Menschen zu ändern, indem man erst die Welt-wie-sie-ist ändert, um die Menschen zu ändern. Aber wer kann schon die ganze Welt, wie sie ist, ändern? Da dies nicht möglich ist, kann man nur an einem kleinen Punkt der realen Welt, über den man tatsächlich verfügen kann, ansetzen. Mit dieser inneren Ausweglosigkeit hat selbst der sog. "Anarchokapitalist" zu kämpfen. Um zu mehr als nur einem mentalen Anarchokapitalisten zu werden, verlangt es weitere wichtige Erkenntnisse über die Strategie der Freiheit gegen den Aggressor Staat, die in der Psychologie, der Geschichte der Aufklärung und Entwicklung und auch der Anwendung der Logik und Praxeologie verwurzelt sind. Dies alles nur um zu verstehen, warum die Dinge sind, wie sie sind. So erklärt sich, dass ein fertiger Anarchokapitalist ein ausgesprochener Experte sein muss, mit einem beträchtlichem Wissen, dass er sich nur über viele Jahre einigermaßen aneignen kann - einer akademischen Berufsausbildung nicht minder. Es muss klar sein, dass dies die Umstände sind, unter denen wir hier über Strategien gegen den Staat diskutieren.

Ludwig von Mises (Liberalismus, S. 93.) sieht ein liberales Ziel in "einer vollständigen Kooperation der ganzen Menschheit, die sich friedlich und ohne Reibungen abwickelt." Walter Reese-Schäfer kommentiert dazu: "Dieses Denken ist kosmopolitisch, d.h. es haftet nicht an einer Gruppe, einem Dorf, einer Landschaft, einer Nation oder eines Erdteils - wie gegenwärtig noch die europäische Ideologie. Was das sogenannte Selbstbestimmungsrecht der Völker angeht, bestreitet von Mises als jemand mit einer genauen Kenntnis der Situation im Gebiet der einstigen Habsburger Monarchie, dass es von Gruppen oder ganzen Nationen sinnvoll wahrgenommen werden könnte. Die Bewohner bestimmter Gebiete, die dazu groß genug wären, müssten darüber entscheiden können, einen selbstständigen Verwaltungsbezirk zu bilden" (Politische Theorie der Gegenwart in fünfzehn Modellen, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2005, S.30). Mises (S. 97): "Wenn es irgend möglich wäre, jedem einzelnen Menschen dieses Selbstbestimmungsrecht einzuräumen, müsste es geschehen."

Wir sind auf jeden Fall so weit zu sagen, dass nur dieser Weg eines Austritts in eine eigene Ordnung sinnvoll die Strukturen schaffen kann, die für ein freies Leben erforderlich sind. Dabei legen wir uns nicht fest wie es zu geschehen hat, z.B. ob dies territorial geschehen muss usw., solange das Konzept in sich stimmig ist. Niemand sagt, dass dieser Weg einfach wäre. Er ist aber wesentlich einfacher als in Summe an Arbeit alle radikalen Liberalen aufbringen. Es scheint nicht möglich, alle Anarcho-Liberalen von einem bestimmten Weg zu überzeugen. Das ist aber auch nicht nötig. Es reicht, wenn eine verhältnismäßig kleine Gruppe, eine Organisation schafft, die die rechtlichen und finanziellen Voraussetzungen bereitstellt, um eine Sezession in die Wege zu leiten, also eine Zone in der die Verfügungsgewalt über die Handlungen der Teilnehmer und Teilhaber nicht vom Staat ausgeht oder maßgeblich moralisch korrumpiert werden kann. Das ist die Aufgabe, die sich stellt.


Weiter zu: Die Ausgangslage für den Anarchokapitalismus und Sezession

Strategie der Aufklärung?

By Norbert Lennartz on Aug 25, 2011. Comments (3)


Daniel Chodowiecki, 1791:
Die aufgeklärte Weisheit
als Minerva
schützt die Gläubigen
aller Religionen

Manche Libertäre verfolgen systematisch das Ziel einer breiten „Aufklärung“ der Gesellschaft, um die Idee der Nichtaggression in Gehirne einzupflanzen und zu verbreiten.

„Aufklärung“ hat mindestens 2 verschiedene Bedeutungen:

  1. im alltäglichen Sprachgebrauch für das Bestreben, durch den Erwerb neuen Wissens Unklarheiten zu beseitigen, Fragen zu beantworten, Irrtümer zu beheben

  2. Als geschichtlicher Begriff, bzw. als allgemeiner Appell an die Vernunft der Menschen1

Der Bereich, der von Individuen in ihrem alltäglichen Handeln selbst beeinflusst werden kann, hat mit 1. zu tun. Der oben gestellte Aufklärungs-Anspruch zielt aber auf die 2. Konnotation. Man verlangt einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft.2

Inwieweit kann diese Aufklärungsstrategie funktionieren? Es gibt Berichte und Erfahrungen, dass dies in bestimmten Rahmen effektiv sein könnte,3 aber die Beispiele sind genauso Beispiele dafür, dass es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr funktioniert hat. Es wurde kein nachhaltiger Effekt erzielt, sondern nur oberflächliche politische Begeisterung von Leuten, die nicht hinter der Sache stehen.

Warum wurde keine kontinuierliche Entwicklung der „Aufklärung“ erreicht? Warum ist Aufklärung kein Prozess von anwachsendem Bewusstsein in der Bevölkerung? Dem stehen hauptsächlich zwei wissenschaftliche Ursachen entgegen:

  1. Menschen reagieren nicht allein nach ihrem Verstand, sondern lassen sich durch evolutionär geprägte Reize zu Entscheidungen verleiten, die jenen menschlichen Verstand ausschaltet, der sich sonst der bewussten Logik bedient. Dies sind solche evolutionär geprägten Reize, die „uns“ in bestimmten Situationen als moralisch zweckmäßig erscheinen, wie etwa Religion, Esoterik, Strafrecht, Erziehungsformen usw.

  2. Die großartigen Mittel der Bewusstseinsbeeinflussung (Fernsehen, Zeitungen, Schule, Universitäten, Sozialrecht) werden hauptsächlich vom Staat und seinen anhängigen Institutionen in Richtung medienwirksamer politischer Korrektheit manipuliert, so dass kein gemeinsamer Kenntnisstand erarbeitet werden kann. Diese staatlichen Möglichkeiten permanenter unterschwelliger Indoktrinierung existieren, weil das Gewaltmonopol des Staates existiert und der Staat mit Intellektuellen sowie Brot-und-Spiele-Institutionen die betäubenden, desinformierenden, orwellschen Mittel zu seiner eigenen Akzeptanz wirksam bei Menschen4 quer durch alle Schichten einsetzen kann. Diese Mittel sind durch das demokratische5 System privilegiert und finanziert. Um deren Anreize zu beseitigen, müsste man zuerst das Gewaltmonopol des Staates beseitigen. Dann wäre aber bereits das Ziel erreicht.

Einer Strategie der Aufklärung fehlt es grundsätzlich an ihrem Konzept. Man müsste zunächst erklären können, wie man mit Mitteln der Bewusstseinsbeeinflussung, die noch nicht vergeblich probiert wurden, Erfolg haben kann6. Man müsste auch erklären, wie man jene einbinden kann, die mental gegen den Anarchismus eingestellt sind, d.h. nicht durch Aufklärungsappelle erreicht werden können.7 Solange dieses Konzept nicht existiert, ist diese Strategie in der Praxis offensichtlich ein sich endlos wiederholender Versuch und Irrtum, der libertäre Ressourcen verschlingt.

Ein Beispiel (soweit die Kategorie zutrifft) ist das neuerliche Mises Summit in Wien 2011 mit Seminargebühren, Reisekosten, Hotelkosten und Spesen. Wenn jeder Teilnehmer 1500 Euro dafür aufwendet, sind das bei 50 Teilnehmern bereits 75.000 Euro, die dort mal eben zur reinen „Kultvergötterung“ konsumiert werden.




1   Menschen, die die Autonomie über ihre eigenen Gefühle verloren haben (Gefühle, die den Verstand in Schach halten).

2   Ein Bewusstsein, dass, um wirksam zu sein, auch noch nachhaltig sein müsste.

3   Als Beispiele werden historische Erfolge von libertären Parteien (z.B. USA, Costa Rica) genannt.

4   Menschen, die dafür in ihrem Unterbewusstsein anfällig geprägt sind.

5   Hoppe: „Es gibt heutzutage mehr Propagandisten für die Demokratie als es jemals in der gesamten Menschheitsgeschichte Propagandisten für die Monarchie gab.“

6   etwa durch das Internet, das auch nicht mehr neu ist

7   Oder in der erziehungswissenschaftlichen "triviumschen" Ausdrucksweise: Grammatik und Logik des Empfängers müssten berücksichtigt werden, um erfolgreich zu sein.


H.L. Mencken: "The fact is that the average man's love of liberty is nine-tenths imaginary, exactly like his love of sense, justice and truth. He is not actually happy when free; he is uncomfortable, a bit alarmed, and intolerably lonely. Liberty is not a thing for the great masses of men. It is the exclusive possession of a small and disreputable minority, like knowledge, courage and honor. It takes a special sort of man to understand and enjoy liberty — and he is usually an outlaw in democratic societies."

Letzte Kommentare